Lisa spürte, wie ihr Kopf plötzlich leicht wurde und ihr Magen sich auf einen Schlag völlig leer anfühlte. Eine große Ruhe überkam sie, so als würde sie in Watte gepackt sein. Gesichter, Geräusche, Gerüche um sie her verschwanden. Sie nahm, wie in einem Bildausschnitt, nur Karl wahr. Es fiel ihr gar nicht schwer aufzustehen, auf Karl einen Schritt zuzumachen und ihm einen Begrüßungskuss auf beide Wangen zu geben.
„Schön, dass du da bist. Würdest du uns bitte vorstellen?"
„Selbstverständlich", Karl hatte sich gefangen. „Lisa, das ist Ines Hartmann, die Schwester meines Freundes Martin Hartmann. Ines, das ist Lisa Müller, meine Lebensgefährtin."
Bei dem Begriff „Lebensgefährtin" zuckte Lisa zusammen. So hatten sie nie voneinander gesprochen, weil ihnen das viel zu konventionell und verstaubt vorgekommen war.
Über die Teegläser hinweg und ohne aufzustehen, reichte Ines Lisa die Hand: „Freut mich sehr", sagte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Wir haben uns eben schon gut unterhalten, nicht wahr?"
Lisa nickte. Ines übernahm jetzt die Regie. „Setz dich doch, Karl", sie nahm ihre Jacke vom Stuhl und hängte sie über ihre Lehne. Karl tat, was sie vorschlug. Aber er behielt seinen Anorak an und saß auf dem Stuhl, als würde er sofort weglaufen wollen.




