Kapitel 1 / 4
Von: Karl Urban
Betreff: Re: In allen Ehren
Datum: 27. September
Liebste Lisa!
Was mir am besten gefallen hat, ist, wie vertraut wir miteinander umgegangen sind. Es war so selbstverständlich, jeder Handgriff wie über lange Jahre geübt und kein bisschen peinlich, nicht einmal, als wir gemeinsam mein Bett auf der Couch gebaut haben. Obwohl: Bedauert habe ich es natürlich schon sehr, dass wir nicht einfach zusammen in Deinem Zimmer in Dein Bett gefallen sind. Gewollt hätt´ ich schon, aber dürfen habe ich mich nicht getraut - wie der von mir so bewunderte Karl Valentin sagte... Von "Können" hat er gar nicht gesprochen. Lisa, ich danke Dir sehr für Dein Verständnis. Es tut mir so leid, dass ich nicht mehr 40 bin - allerdings nur in dieser Hinsicht.
Ich hab´s Dir auf der Bank am Schliersee schon gesagt: Lisa, ich bin sehr verliebt in Dich, heftig, kräftig, immerzu. Ich wage gar nicht daran zu denken, was alles mit uns beiden noch passieren könnte. Du regst mich an und auf, belebst mich und obendrein fühle ich mich so geborgen und gut aufgehoben bei Dir.
Ach ja, Deinen Spott über die (Spieß-)Bürger im Kabarett kann ich gut verstehen, allerdings: Sind wir da anders? Stechen wir da heraus? Ich fürchte, Du hast ein Eigentor geschossen - aber es war gut gezielt. Wie weit hängt Deine Kritik eigentlich mit Deinem Beruf zusammen? Das ist ja irgendwie auch Kritik an der Verpackung der Kritik, an der selbst Du aber gar nichts kritisierst. Wow, wie war ich jetzt?
Das ist doch wieder eine lange Mail geworden. Wes das Herz voll ist, des PC überflutet die Festplatte. Ich freue mich übrigens sehr, dass wir beide in dieser Technik fit sind. Sonst wären wir ganz schön beschäftigt mit Schreiben, Umschlag, Briefmarke, Briefkasten... Und dann ist die Nachricht erst zwei Tage später beim Empfänger, respektive bei der Empfängerin. Viel zu langsam für uns. So viel Zeit haben wir nicht mehr.
Möge uns Gott oder wer immer dafür zuständig ist, noch eine lange Zukunft bescheren...
Schlaf gut, ich freue mich schon aufs Telefonieren morgen früh!
Dein Karl
PS. Was mir von mindestens einer Million Sachen noch ausgesprochen gut an Dir gefällt ist: Du isst und trinkst mit gutem Appetit. Frauen, die im Salat stochern und sich den ganzen Abend lang an einer Flasche Mineralwasser festhalten, finde ich langweilig.
Von: Elisabeth Müller
Betreff: Essfest
Datum: 28. September
Liebster Karl,
ich bin eigentlich schon im Bett, will Dir aber noch schnell mitteilen, wie sehr ich mich freue, dass Dir mein guter und allzeit verfügbarer Appetit gefällt. Ich denke ja, ich sollte mich mehr zurückhalten. Aber ich bin eben „essfest", wie mein Lieblingsautor Tucholsky das nennt. Übrigens: Was Dir Valentin, ist mir Tucholsky. Das Spießer-Eigentor - o. k., o. k., ich sag nix mehr und freu mich an Deinem scharfen Blick. Ich weiß schon, da spielst Du jetzt auf die Perlenkette an, die ich getragen habe. Ich wollte doch nur ein bisschen schön sein - für Dich! Das war jetzt wahrscheinlich wieder so ein Eigentor bzw. die Spießerin im Quadrat. Ich trag's mit Fassung. Was den Computer angeht: Wir arbeiten schon seit Jahren damit, da ist das keine Kunst. Aber ich bewundere Dich, wie Du Dir das angeeignet hast!
Schlaf schön!
Lisa
PS: Natürlich hätten wir es an diesem einen Punkt - Du weißt schon - leichter, wenn wir beide 40 wären. Werden wir aber nicht mehr, glatter auch nicht, im Gegenteil die Pigmentflecken und Falten nehmen zu. Ein Glück, dass ich in der Verhüllungsbranche arbeite.




