Früher war die Zukunft länger [21]

Seite 1 von 4
Erste Seite | Vorherige Seite | Nächste Seite | Letzte Seite

Von: Karl Urban
Betreff: Ruhe bewahren!
Datum: 19. Februar

Liebste Lisa!
Irgendwie hatte ich wohl den 6. Sinn. Als ich aus dem Konzert kam (ein reiner Mendelsohn-Abend, sehr schön), habe ich noch Emails angeschaut, obwohl ich keine von Dir erwartete. Du wusstest ja, dass ich nicht da bin. Lisa, ich kann Deine Empörung verstehen. Aber jetzt sieh doch mal das Positive: Du erstreitest eine Abfindung und gehst in den Ruhestand. Endlich wirst Du Zeit haben - für Dich, für Deine Töchter, für mich, für Deine Hobbys.

Morgen früh gleich rufe ich Dich an.
Gute Nachtruhe - trotz allem
Dein Karl

Von: Elisabeth Müller
Betreff: Kein Ausweg. Nirgends
Datum: 19. Februar

Liebster Karl,
das klingt ja alles sehr nett, was Du mir vorschlägst, aber das Wichtigste bedenkst Du nicht: Meine Rente wird nicht reichen! Der Kinder wegen war ich acht Jahre lang nicht berufstätig. Zwar habe ich die Beträge später nachgezahlt, das konnte man, aber viel hat es nicht gebracht. Ich habe mir im letzten Jahr meine Rente einmal ausrechnen lassen. Würde ich mit 67 in den Ruhe stand gehen, bekäme ich rund 1600 Euro. Jetzt werde ich wohl nur auf 1200 kommen. Das reicht gerade mal für die Miete hier im teuren München, für Nebenkosten und Telefon!
Hätte ich mir doch gleich nach der Scheidung eine Wohnung gekauft, dann könnte ich jetzt wenigstens mietfrei wohnen. Immer mache ich alles falsch und merke es erst, wenn es zu spät ist. Mein ganzes Leben schon... Jetzt stehe ich vor den Konsequenzen. Altersarmut lässt grüßen!
Ich auch!
Deine Lisa

Von: Karl Urban
Betreff: Kopf hoch!
Datum: 20. Februar

Liebste Lisa!
Selbstmitleid ist erlaubt, auch langfristig. Aber was Du da machst, klingt mir nach regelrechter Selbstdemontage. Das ist nicht Dein Stil! Kopf hoch, Lisa, Du bist tüchtig, das weißt Du. Auch diese Krise wirst Du meistern. Ich werde Dir helfen, wo ich kann. Als Erstes brauchst Du einen Anwalt!
Ich liebe dich!
Dein Karl