Früher war die Zukunft länger [05]

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Kapitel 2 

ebook Von: Elisabeth Müller
Betreff: Perlen
Datum: 8.Oktober

Liebster Karl,
Ein Tag kann eine Perle sein - und ein Jahrhundert nichts!! Das ist eine Zeile aus einem Gedicht, das ich früher sehr mochte, aber ich kann mich nicht mehr an den Text und an den Dichter erinnern. Von wem auch immer, es ist genau, was ich empfinde und deshalb schreibe ich Dir diese Zeile.
Karl, mein Liebster, Du hast mir gleich mehrere Perlen geschenkt. Die Tage mit Dir in Berlin und im Spreewald waren wunderschön, ich glaube, es war das schönste Wochenende meines Lebens! Dieses milchige Blau über den Seen, die ockerfarbenen Felder, das Licht in den Alleen.....
Außerdem hat es mir so gefallen, mir von Dir Dein Leben zeigen zu lassen, richtig einzutauchen in Deine Welt. Was für herzliche Menschen Dein Sohn und Deine Schwiegertochter sind! Ich habe wirklich das Gefühl, sie freuen sich, dass Du jetzt eine Freundin hast. (Dass Du nun auch eine Geliebte hast, müssen sie ja nicht unbedingt erfahren).
Meine Lieblingsbeschäftigung zurzeit ist - übrigens heute auch während der Konferenz - mir unsere Tage und (ich erröte, so wie sich das für eine an sich tugendhafte Frau gehört!!) Nächte in allen Einzelheiten, Minute für Minute, zurückzurufen: Was hat er da gesagt? Was haben wir da getan? Wie hat sich das angefühlt? Und: War das wirklich ich?
Karl, mein Körper erscheint mir plötzlich jung, auch wenn mir der Spiegel weiterhin Falten und Probleme mit der Schwerkraft allüberall zeigt. Du bist ein wunderbarer Mann und der zärtlichste Liebhaber und überhaupt....
Gestern um diese Zeit hast Du mich zum Flughafen gefahren. Ich bin also weniger als 24 Stunden von Dir getrennt und doch habe ich so große Sehnsucht nach Dir. Das schreibe ich nicht gern, denn einer meiner Vorsätze, nach dem ich die letzten 25 Jahre gelebt habe, war der, mich nie wieder von einem Menschen abhängig zu machen, finanziell nicht und erst recht nicht emotional. So bin ich ziemlich verwirrt, denn ich merke, dass ich mich ganz und gar und immer mehr in Dich verwoben habe....
Es grüßt Dich
Deine sehr durcheinandere Lisa

Von: Karl Urban
Betreff: Re: Perlen
Datum: 9. Oktober

Liebste!
Die Zeile ist aus einem Gedicht von Gottfried Keller. Es trägt den Titel: „Die Zeit geht nicht". Ich habe es schon herausgesucht, damit ich es Dir heute Abend beim Telefonieren vorlesen kann. Es ist eins meiner Lieblingsgedichte. Wie schön, dass Du es auch magst. Der Vers heißt:
Es blitzt ein Tropfen Morgentau
im Strahl des Sonnenlichts.
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.
Geliebte Lisa, nun sind wir tatsächlich ein Liebespaar. Ich spüre so deutlich, wie dadurch eine längst verloren gegebene Energie in mein Leben zurückkommt. Ich bin randvoll, übervoll damit (Energie, meine ich...).

Lisa, ich bin Dir dankbar, dass Du so locker über meine Anfangsschwierigkeiten hinweggesehen hast. Deine Selbstverständlichkeit hat mir sehr geholfen. Mit Beschwichtigungen wie: „Ach, das macht doch nichts," wäre ich mir doch sehr alleingelassen vorgekommen.

Genauso wie Du wiederhole ich in Gedanken jede gemeinsame Minute mit Dir und kann kaum erwarten, Dich wieder in meinen Armen zu spüren...
Sei herzhaft geküsst, überall hin
Dein Karl, der sich z. Z. fühlt wie der glücklichste Mensch auf der Welt

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