Von: Elisabeth Müller
Betreff: Schöner Jahresbeginn!
Datum: 8. Januar
Lieber Karl,
meine Güte, war die Arbeit heute anstrengend! Irgendwie bin ich meinem Werktätigenalltag wohl völlig entwöhnt. Die Kolleginnen waren ganz perplex, als ich ihnen erzählte, wo und mit wem ich Urlaub gemacht und wie ich Silvester gefeiert habe. Es war ja auch wirklich originell. Unsere dummen Gesichter, als sich herausstellte, dass das Aparthotel eigentlich ein Motel war, gleich neben McDonalds!! Immerhin, so konnte Dein Auto direkt vor unserer Tür parken. Die typischen „Vertreterschleudern", schwarze Mercedes- und Audi-Kombis, die sich sonst vor einem Motel drängeln, waren zum Jahresende wohl zu Hause in der Garage. Deswegen hatte sicher auch die Frau an der Rezeption überhaupt keine Eile und gab sich alle Mühe, uns mit wirklich guten Ratschlägen zu versorgen. Das Frühstück war hervorragend, die Betten auch - also besser hätten wir es kaum treffen können.
Aber das Tollste war wirklich unser Silvester. Wie wir beide fein gemacht im noblen Restaurant „Alt Weimar" ganz traditionell tafelten, aber dann zwei Stunden vor Mitternacht unisono keine Lust mehr darauf hatten, unter Menschen zu sein. Mir hat sehr imponiert, wie Du lässig eine Flasche landestypischen Rotkäppchen-Sekt bestellt hast („ bitte ungeöffnet") und zwei Gläser dazu und - zahltest. Die Flasche hast Du Dir in der Garderobe einfach unter den Arm geklemmt, in jede Manteltasche ein Glas gesteckt. Ganz Kavalier und Draufgänger. Curd Jürgens in seinen besten Jahren hätte das nicht eleganter gekonnt.
Was für eine wunderbare Idee, die letzte Stunde des Jahres mit einem Spaziergang an der Ilm, zu Goethes Gartenhaus, zur Parkgrotte, zur Ruine des römischen Hauses zu verbringen. Das war wirklich sehr romantisch.
Punkt Mitternacht, als die Glocken zu läuten begannen und die ersten Böller krachten, hast Du schnell die Flasche geöffnet, wir machten Halt auf der Parkbank und stießen aufs Neue Jahr an. Natürlich musste ich ein bisschen weinen, Silvester macht mich eben sentimental. Da sehe ich mich zwischen den Fronten: Das alte Jahr habe ich noch nicht verkraftet; was das neue bringen wird, überschau ich nicht - da fühle ich mich wie ein Spielball des Schicksals. Mir wird in diesen Minuten immer überdeutlich klar, wie wenig Kontrolle wir Menschen über unser Leben haben.
Ich fand es übrigens wunderbar, dass Du - genau wie ich - unser Kennenlernen als Höhepunkt des vergangenen Jahres ansiehst. Du meintest, da hätten wir wirklich Glück gehabt und dass wir dieses Glück festhalten sollten. Recht hast Du. Selten habe ich Dir 100prozentiger zugestimmt!
Selbst „das Problem Ines", wie ich es bei mir nenne, erschien mir da unbedeutend. Natürlich macht mir der Gedanke, eine Nebenbuhlerin (schreckliches Wort!) zu haben, immer noch zu schaffen. Und die Vorstellung, bei einem Berlin-Besuch eventuell auch auf Ines zu treffen, die ja „bloß die Schwester Deines besten Freundes" ist, wie Du mir erzähltest, macht mich ganz hilflos. Ich sehe immer noch den Text auf dem Zettel aus Deiner Brieftasche vor mir. Er hat sich richtig eingebrannt: MEIN GELIEBTER! WER, WENN NICHT DU? WANN, WENN NICHT JETZT? ICH BIN IMMER FÜR DICH DA! I.
Mein Gefühl sagt mir, dass da mehr dahinter steckt, als eine kurzfristig verwirrte „Bekannte und bloß die Schwester des Freundes", so wie Du es darstellst. So etwas schreibt frau nur, wenn sie es ernst meint.
Auch wenn ein großes Fragezeichen bleibt und wir uns nicht einigen konnten: Mein lieber Karl, es waren trotzdem wunderschöne Tage (und Nächte!) mit Dir. Nun muss ich ins Bett, leider allein....
Bis bald und Gute Nacht!
Deine Lisa




