Ines Hartmann saß schon in der Weinstube, als Lisa eintrat. Sie hatte sich einen Tisch in einer Nische gesucht, was Lisa sehr recht war. So konnten sie sich ungestört unterhalten und genau das hatte Lisa vor. Ines legte die Weinkarte, in der sie gerade geblättert hatte, hin und schaute Lisa entgegen.
Beide Frauen hatten sich umgezogen. Lisa trug eine schwarze Hose und einen schwarzen Pullover, dazu einen roten Paschmina-Schal, den Karl ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Ines hatte einen grauen Rock an, eine grüne Seidenbluse und darüber, exakt farblich abgestimmt, einen Blazer in einem etwas dunklerem Grün. Es war offensichtlich, dass sowohl Ines wie Lisa ihre Garderobe so gewählt hatten, wie sie in dem bevorstehenden Gespräch wahrgenommen werden wollten, gepflegtes Understatement, schnörkellos.
Beide entschieden sich für einen Grauburgunder aus Baden und eine große Flasche Mineralwasser. Während sie auf die Getränke warteten, unterhielten sie sich über Lisas Eindrücke von Passau (schöne Stadt), über das Wetter (scheint sich aufzuklären), Ines´ Nachmittag in Bad Griesbach (sie war im Türkischen Dampfbad gewesen und fühlte sich „wie neu geboren").
Als Wein und Wasser auf dem Tisch standen, begann Ines: "Ich weiß nicht, was Karl Ihnen über mich erzählt hat, aber..."
Lisa unterbrach sie sofort: „Karl hat mir so gut wie nichts über Sie erzählt."
Ines schien verblüfft: „Aber Sie wussten doch gleich, wer ich bin, als Karl mich im Café vorstellte."
„Stimmt." Lisa zögerte kurz, weil sie überlegte, was sie sagen sollte. Eine Gesprächsstrategie, so wie sie sie sich für Unterredungen mit Lieferanten und Kunden oft vorab zurechtlegte, hatte sie nicht. Klar war, dass sie ein ehrliches Gespräch führen wollte, ohne Winkelzüge und vage Aussagen. Sie gab sich einen Ruck: „Ja, ich wusste von Ihnen."
Ines griff zu ihrem Glas und prostete Lisa zu, bevor sie trank. „Also haben Sie doch über mich gesprochen?"




