Sie lief ihm ein paar Schritte entgegen. Er stellte seine Reisetasche ab, breitete die Arme aus und sie verkroch sich in seine Umarmung. Sie spürte, wie glücklich sie über seine Gegenwart war.
„Hattest du eine gute Reise?"
„Hervorragend. Ab Leipzig hatte ich das Abteil für mich ganz allein, konnte ungestört Zeitung lesen und dabei immer wieder an dich denken. Geht es dir besser?"
Lisa nickte. Sie standen auf dem Parkplatz, vor Lisas Auto. Lisa öffnete die Türen und entfernte den Parkuhr-Zettel vom Armaturenbrett: „Hier nehmen sie einen Euro für eine Viertelstunde. Unverschämt, findest du nicht?"
„Immerhin ein probates Mittel, um die Verweildauer zu verkürzen", nickte Karl, „hier lässt keiner sein Auto länger stehen, als er unbedingt muss." Er hatte sein Gepäck im Kofferraum verstaut: „Wohin fahren wir?"
„Zu mir, dachte ich", antwortete Lisa mit einem kleinen Lächeln, „zu dir wäre ja ein bisschen weit."
„Lass uns an einen eurer wunderschönen bayerischen Seen fahren. Heute ist bei euch ja schon richtig Frühling. Da kann man doch bestimmt irgendwo draußen sitzen, übers Wasser schauen und die Sonne spüren."
„Gute Idee", stimmte Lisa zu. „Dann fahren wir nach Berg. Das liegt am Starnberger See."
Eine halbe Stunde später waren sie da. Der See glitzerte in der Sonne, Vögel zwitscherten in den Bäumen und Büschen, in den Rabatten um den großen Parkplatz herum blühten Krokusse und Narzissen. „Herrlich hier!" Karl atmete tief ein. „Lass uns ein paar Schritte gehen. Ich habe ja runde sechs Stunden gesessen, da kann ich ein bisschen Bewegung gut vertragen."
„Gut. Dann komm, ich zeige dir, wo König Ludwig ertrunken ist", sagte Lisa und nahm Karls Hand, „ du weißt schon: unser Kini!"
„Bin informiert", erwiderte Karl, „der Märchenkönig, irrer Erbauer von Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof, hat damals die bayerische Staatskasse geleert. Heute füllt er sie posthum, weil Touristen, vorzugsweise aus den USA und aus Japan, seine romantischen Schlösser sehen wollen. Ich weiß sogar vom Mysterium um seinen Tod. Ein Mann von rund 1,90 Meter Größe ertrinkt samt Leibarzt im flachen Wasser in Ufernähe. Seit jeher wird gerätselt: Mord oder Selbstmord?"




