Lesen aktiviert Sinnesareale im Gehirn

Lesen bildet - hieß es schon immer. Hirnforscher der Universität Ulm haben diese überlieferte Weisheit nun auch wissenschaftlich begründet

Wenn Menschen Wörter lesen, sind im Gehirn ständig Sinneszellen aktiv, die ihrerseits die Bedeutung der beschriebenen Gegenstände abrufen. Das haben Hirnforscher der Universität Ulm bei einer Kernspintomographie-Messung der Hirntätigkeit von Probanden entdeckt, während diese eine Abfolge von Wörtern lasen. Bei mit Geräuschen assoziierten Begriffen wie “Telefon” oder “Rasenmäher” werden im Gehirn Bereiche aktiviert, die auch beim tatsächlichen Hören der Geräusche aktiv sind. Dieser Prozess in den Hörarealen laufe schneller ab als das kognitive Begreifen der Wortbedeutung, so das Ergebnis der im “Journal of Neuroscience” veröffentlichten Forschung. “Gleiches betrifft wahrscheinlich auch andere Sinneswahrnehmungen wie Riechen oder Schmecken”, vermutet Studienleiter Markus Kiefer, der Leiter der Abteilung für kognitive Elektrophysiologie, im Gespräch mit pressetext.

Die Forschung zeigt, dass das Gehirn bei der Verarbeitung eines Begriffs teilweise diejenigen Aktivitäten wiederholt, die während der zum Begriff gehörenden Sinneswahrnehmung ablaufen. “Beim Lesen des Wortes ´Telefon´ hören wir etwa ein Telefon klingeln”, veranschaulicht Kiefer. Nur 150 Millisekunden vergehen, bevor dieser Prozess gestartet wird - das ist schneller als unser Bewusstsein die Bedeutung des gelesenen Begriffs verarbeiten kann. Je typischer die Probanden die Geräusche für die jeweiligen Objekte einstuften, desto aktiver zeigten sich im Test auch ihre Sinnesareale. Kiefer folgert daraus die Wichtigkeit der Sinneswahrnehmung beim Wortlernen. “Was wir sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken, hinterlässt dauerhafte Gedächtnisspuren im Gehirn für die Bedeutung eines Begriffs”, so der Ulmer Hirnforscher.

Diese Erkenntnis habe besonders für die Pädagogik Konsequenzen, so Kiefer. “Unsere Begriffe werden verarmt, wenn wir die dahinterstehende Sinnesinformation nicht kennen. Wer nie selbst in den Bergen war und sich die damit verbundenen Sinneswahrnehmung angeeignet hat, wird eine andere Einstellung etwa zum Thema Umweltschutz haben”, meint Kiefer. Angesichts der heutigen Praxis des Begriffslernens, das sich zunehmend auf Medien und Bücher reduziere, seien von den Kindergärten durchgeführte Exkursionen zu Bauernhöfen wertvoll. “Erst wenn Kinder mit ihren Sinnen erleben, wie Kühe gemolken werden, können sie gewisse Zusammenhänge verstehen”, so Kiefer abschließend




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