Med in Germany – eine Standortbetrachtung

Wenn einer achtundachtzigjährigen Schmerzpatientin das verschriebene Analgetikum vom Apotheker mit dem Hinweis, er sei an die Rabattverträge gebunden und könne ihr das vom Arzt auf dem Rezept verordnete Medikament einer bestimmten Pharmafirma zwar bestellen, aber keinesfalls gleich aushändigen, dann muss die Frage erlaubt sein, wie lange sich die Patienten in diesem unserem Lande die Bevormundung, um nicht zu sagen, Entmündigung durch Politik und Krankenkassen noch gefallen lassen, ehe sie aufstehen und sich wehren?

Natürlich kann man jetzt argumentieren, der behandelnde Arzt hätte ja nur „aut idem” ankreuzen müssen - doch leider weiß jeder, der mit dieser Thematik beschäftigt ist, dass Ärzte, wohl wissend, dass die „Ankreuzung” letztlich auf sie zurück fallen wird, dies nur dann tun, wenn aus Diagnosegründen eine andere Medikamentation de facto nicht möglich erscheint.

Diese AOK-Rabattverträge - sind wir doch das Volk der Schnäppchenjäger -, auf die wir hier gar nicht weiter eingehen möchten, spiegeln aber leider auch wider, welchen Stellenwert mittelständische Unternehmen in der Welt der großen Politik haben. Die Antwortet lautet: Fast keinen!

In einer politischen Welt, deren Handeln immer mehr von Lobbyisten beherrscht wird, ist der Mittelstand zwar regional gesehen als Erbringer von Gewerbesteuern höchst willkommen - aber das war es dann auch schon. Und so hat es auch nicht wirklich verwundert, dass anlässlich der Vorstellung einer regionalen Wirtschaftsstudie zum Thema „Positive Hebeleffekte eines Standortes”, welche von der im oberbayrischen Holzkirchen ansässigen Sandoz Hexal AG in Auftrag gegeben und vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle durchgeführt wurde, geladene bayerische Minister aus Zeitgründen kurzfristig absagen mussten oder das Thema letztlich für so nichtig hielten, dass man allenthalten eine untere Charge dafür abgestellt hätte. Gut, wenn man bedenkt, dass man sechzehn Jahre lang „die rechte Hand Gottes” war, dann sollte man im Volk schon verstehen, dass das banale irdische Dasein möglicherweise noch nicht ganz im Bewusstsein des nunmehr mit einem Ministerium belohnten Assistenten angekommen ist.

Erfolgreich - und dennoch Verlierer?

Gerade das „Med in Germany” gilt noch als Markenzeichen in einer immer größer werdenden pharmazeutischen Shopping-Mall und in einem sich im Umbruch befindenden Markt. Mit der am 1. Juni erfolgten Einführung der AOK-Rabattverträge wurde einerseits „ein lupenreines Nachfragekartell” geschaffen…”, welches qua Gesetzgebung gar nicht erlaubt ist, andererseits unterliegen ja Krankenkassen, Gott sei Dank, aus welchen rechtlichen Gründen auch immer, nicht dem deutsche Kartellgesetz. Äußerst praktisch, oder? Und falls Sie als Leser jetzt Verständnisprobleme haben, macht gar nichts, als Volk brauchen Sie das - was ja Programm ist - auch nicht zu verstehen. Man weiß doch spätestens seit FJS: Quod licet Iovi non licet bovi!1 Doch bleiben wir sachlich. Die AOK-Rabattverträge ermöglichen es der größten deutschen Krankenkasse mit einem Anteil von immerhin 40 % aller gesetzlich Versicherten also, nach eigenen Gutdünken jene Lieferanten von Wirkstoffen für den Zeitraum von zwei Jahren auszuwählen, welche den vermeintlich besten Preis dafür bieten. Vereinfacht könnte man auch sagen: Wer den erfolgreichsten Lobbyistendraht zur AOK hat, wird Königsmacher.

Helmut Fabry, CEO von Sandoz Hexal meint dazu lakonisch: „Mit ihrer Nachfragemacht können große Kassen Preisnachlässe oder Rabatte erzielen, die ökonomisch nicht zu rechtfertigen sind…Wir haben kein Problem damit, mit Krankenkassen zu verhandeln. Womit wir ein Problem haben ist, dass Krankenkassen Märkte einfach verriegeln können. Und wir haben ein Problem damit, dass eine geballte Nachfragemacht Preise erzwingen kann, die im normalen Wettbewerb nicht möglich wären. Denn wer einen Zuschlag gewinnt, bleibt zwar am Markt, kann aber kaum noch vernünftig wirtschaften. In einem solchen Modell gibt es nur Verlierer!”

AOK-Rabattverträge: die Totengräber des Generikastandortes Deutschland?

Der Präsident des Bundeskartellamts, Bernhard Heitzer, hat kürzlich in einem Interview klipp und klar darauf hingewiesen, dass die Nachfragemacht der AOK den deutschen Generikamarkt nachhaltig zerstören kann.

Und nicht nur den Generikamarkt, sondern damit auch viele, von mittelständischer Industrie geprägte Regionen. So zeigt die von Prof. Blum geleitete Studie des Wirtschaftsinstituts in Halle ganz deutlich, dass „… jeder Arbeitsplatz bei Sandoz in Holzkirchen laut der Studie 1,6 weitere Arbeitsplätze im Freistaat außerhalb des Unternehmens schafft. Berechnet auf das Bundesgebiet kommen auf einen Arbeitsplatz bei Sandoz 2,6 Arbeitsplätze außerhalb des Unternehmens, also absolut gesehen mehr als 3.300 Beschäftigte. Durch die Geschäftstätigkeit des Unternehmens und die täglichen Konsumausgaben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgt Sandoz für 2.000 weitere Arbeitsplätze in Bayern…”

Nachdenken über den Standort

Auch wenn lokale Politgrössen nicht müde werden, ihren goldene Gewerbesteuer Eier legenden Unternehmen jedweder Hilfe zu versichern und dies auch tatsächlich auf kommunaler Ebene bei vielen Gelegenheiten mitunter völlig unkompliziert und dennoch möglichst behördenkonform umsetzen, so bleibt angesichts der weiteren Entwicklung - wenn sie denn nicht durch die im Herbst neu gewählte Regierung - in eine andere Richtung gelenkt wird, die Frage, wann in den Vorstandsetagen das große Nachdenken beginnt. Denn letztlich wird man vor der paradoxen Situation stehen, dass man als „Juwel in der Industrielandschaft” zwar sein Geld noch selbst erwirtschaftet, die Bedingungen dazu, mit Zustimmung der Politik, aber immer schlechter werden. „Wir sind gerne hier, aber ich bin in erster Linie auch Kaufmann”, bekennt Helmut Fabry zu diesem Problem. Diese Aussage lässt sich unschwer interpretieren: Wenn der Standort für uns nicht mehr rentabel ist, wird man über einen Standortwechsel nachdenken müssen, egal, wie wohl man sich an diesem Standort fühlt.

So kann man nur hoffen, dass dieses „Grollen aus der Vorstandsetage” vielleicht doch noch im Bayerischen Landtag und möglicherweise ja sogar in Berlin, gehört wird. Viel Hoffnung hat die Schreiberin dieser Zeilen allerdings nicht, wartet doch die bayrische Regierung schon seit längerem auf göttliche Eingebungen… In Berlin hat man ja jetzt dafür K.T2.!

Sylvia von Lichem


  1. FJS = Franz Josef Strauß, Quod licet Iovi non licet bovi: „Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochs nicht erlaubt” 

  2. Karl Theodor von und zu Guttenberg 




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