Darmerkrankungen: Neue Therapien

Mehr als 300 000 Menschen in Deutschland leiden an den chronisch-entzündlichen Darm¬erkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Durchfälle und krampfartige Schmerzen plagen die Patienten. Die Krankheitsschübe schränken den Alltag der Betroffenen erheblich ein. CED-Patienten mit chronisch aktiver Entzündung tragen ein erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Als wesentliche Ursache wird eine gestörte Barriere zwischen dem Wirt und den 100 Billionen Darmbakterien angesehen. Medikamente lindern zwar die Symptome deutlich, heilen diese Erkrankungen aber nicht. Entzündungshemmende Kortikosteroide etwa können einen akuten Schub durchbrechen. Immunsuppressiva verlängern die symptomfreien Phasen indem sie die körpereigene Abwehr unterdrücken und stabilisieren so den Verlauf der Krankheit.

„Allerdings können wir mit diesen Medikamenten langfristige Komplikationen nur begrenzt vermeiden”, sagt Professor Dr. med. Martin Zeitz von der Charité-Universitätsmedizin Berlin. „So haben neue Immunsuppressiva bei Patienten mit Morbus Crohn die Not¬wendigkeit von Operationen kaum gesenkt.” Hilfe erhoffen sich Mediziner von den seit etwa zehn Jahren verwendeten Biologika. Diese biotechnologisch hergestellten Substanzen greifen gezielt in die entzündlichen Vorgänge ein. Für die Therapie chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen sind derzeit zwei Biologika zugelassen, die den Botenstoff „Tumor¬nekrosefaktor-Alpha” (TNF-?) hemmen. Diese Signalsubstanz vermittelt entzündliche Vorgänge im Körper. Bei vielen Patienten dämmen die „TNF-?-Blocker” rasch die Entzündungsreaktion ein und dehnen Ruhephasen der Krankheit auf längere Zeiträume aus.

Die Forschung entwickelt Biologika ständig weiter. Und auch die Nebenwirkungen dieser noch jungen Medikamente untersucht sie intensiv. Denn unter anderem machen Biologika die Patienten anfälliger für Infektionen. „Aber dieses Risiko ist nicht höher als bei der herkömmlichen Therapie mit Kortikosteroiden oder Immunsuppressiva”, erläutert Professor Zeitz. „Derzeit können wir leider noch nicht ausschließen, dass die neuen Wirkstoffe die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Tumoren erhöhen”, ergänzt der Gastroenterologe. Das Krebsrisiko scheint durch die Therapie insgesamt allerdings nicht wesentlich erhöht zu sein.

Derzeit empfehlen die Leitlinien zur Therapie chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen ein abgestuftes Vorgehen. Zunächst sollten Ärzte Kortikosteroide verordnen, dann Immun¬suppressiva und schließlich Biologika. „Es gibt zwar erste Hinweise darauf, dass eine frühzeitige aggressive Behandlung den Krankheitsverlauf langfristig bessern kann”, sagt Professor Zeitz. Wegen der unzureichenden Datenlage sei diese Strategie bislang jedoch nicht zu empfehlen. Stattdessen sollten Ärzte mit einer individuell angepassten Therapie versuchen, die Krankheitsaktivität auf ein Minimum zu senken.

„Die veränderten Verläufe dieser Krankheiten aber auch der rheumatoiden Arthritis machen deutlich, dass auf dem Gebiet der Entzündungsmedizin starke Veränderungen stattfinden”, unterstreicht Professor Dr. med. Jürgen Schölmerich, Vorsitzender der DGIM und des 116. Internistenkongresses. „Durch das immer bessere Verständnis der Entstehung entwickeln sich auch die therapeutischen Ansätze rasant”, so der Regensburger Internist.




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