Nach schwarzer Nacht ein Edelweiß

Daß der Berchtesgadener Sommer „schöne Zeiten über das Tal” bringt, behauptet 1895 Ludwig Ganghofer in seiner Martinsklause. Diese Ansicht spiegelt sich in Tausenden von Preisliedern. „Es war fast zu schön”, stellt 1937 Erich Kästner nach einem Ausflug hierher in seinem Kleinen Grenzverkehr fest. Natürlich fasziniert ihn der Königssee - ebenso wie Alexander Humboldt 1797 und Bismarck 1863. Daneben lockt das älteste Salzbergwerk Deutschlands Besucher aus halb Europa an, die dort das größte Sinkwerk der Welt bestaunen. Die schönsten Mädchen sollen hier leben, glaubt man den Schriftstellern. Von den Bergen hat man „unermeßliche Aussichten”, schreibt 1788 der Großbritannische Hofrat Christoph Meiners in seinem viel gelesenen Reisebuch.

Und doch kam der Tourismus nicht so recht auf Touren, vor allem nicht in letzter Zeit! Das hat etwas mit dem Obersalzberg und Hitler zu tun, hört man, der Freistaat Bayern habe sich nicht genügend engagiert, sagen andere. Ob wahr oder nicht, die Szene gehört nunmehr der Vergangenheit an. Soeben öffnete nämlich das Hotel Edelweiß seine Pforten. Das Angebot ist sensationell, ganz Berchtesgaden umjubelt den Helden, der aus dem Land Salzburg kommt und Peter Hettegger heißt. Mit einer Willenskraft ohnegleichen zog er ein Projekt durch, das vor allem das Landesamt für Denkmalpflege so erschwerte. Visionen darf man nicht so ohne weiteres aufgeben, sagt er dazu und fügt lächelnd hinzu: „Aufgeben tut man nur bei der Post.”

Jetzt steht der Märchenbau, der sich idealtypisch in die Baumasse Berchtesgadens fügt und über der Tiefgarage am Kurzentrum erhebt - mit 120 geräumigen Zimmern, in denen nur eines fehlt, die Tristesse. Ein vergleichsweise kleines Haus, doch in Ausstattung und Flair majestätisch wie der nahe Watzmann. Das ist keine Übertreibung, wenn man an Küche und Keller, Bäder, Saunen, Massagen, die freundlichen Bedienungen (in stilisierter Tracht) denkt, an das vorzüglich gezapfte Bier, den freien Blick auf Kirchtürme und Gipfel, auf die metallgedeckten Dächer, unter denen die sagenhaften Berchtesgadenerinnen aufwachsen, von denen gleich mehr die Rede ist.

Peter Hettegger, Jahrgang 1956, so jovial wie sozial, mischt alte Erkenntnisse mit neuen Ideen: Köche und Kellner, die ihre Gäste verzaubern, werden als zur Familie gehörend betrachtet und behandelt, und diese Familie ist groß, Junior-Chefs sind Tochter Martina und deren Ehemann Thomas. Programme für Kinder sowie angenehme und bequeme Angebote bei schlechtem Wetter, wozu Wellness oben und Foyer unten ebenso gehören wie bereitliegende Zeitungen und Regenschirme, die man möglicherweise öfter als einem lieb ist, braucht. Dazu attraktive Preise! Vier Übernachtungen in einem der Luxuszimmer plus Frühstücksbüfett und Halbpension (fünf Gänge) und zahlreiche Extras 349 Euro.

Ideal auch die Lage! Tritt man aus dem Hotel, sieht man sich inmitten der Stadt, deren Besonderheiten alte Kirchen mit einer Ährenmadonna (à la Mailand) und heidnischen Symbolen sind, romanische Löwen der Extraklasse, Bildnisse und Epitaphien der Gotik und Renaissance, ein Schloß und eine abgetakelte Villa der abgesetzten Wittelsbacher und spottreiche Lüftlmalereien mit Affen als Menschen. Nicht zu vergessen der kleine Kurpark und der idyllische Friedhof, auf dem der große Enzyklopädist Constantin Wurzbach (Biographisches Lexikon des Kaisertumes Österreich) und der berühmte Kraxenträger Anton Adner, der 117 Jahre alt wurde, ihre letzte Ruhestätte fanden.

Draußen bietet dann die Boutique das Berchtesgadener Dirndl an, der Wochenmarkt den Fisch aus dem Königssee. Zwei Spezialitäten, auf die wir kurz zu sprechen kommen (müssen). Sennerin und Saibling werden seit alters geliebt und gelobt, das Dirndl aus Fleisch und Blut einerseits und das aus Stoff und Seide andererseits. Es gehört zum Ort wie der heilige Petrus mit seinen gekreuzten Schlüsseln im Wappen.

Wer in alten Akten blättert, findet die Berchtesgadenerin nicht nur auf den Bergeshöhen, sondern auch bei hochadeligen Galanen in München und beim Kaiservertreter am Reichstag zu Regensburg. Wir nennen gleich die begehrteste von ihnen: Elisabeth Hillebrand, um 1760 unter dem Watzmann geboren, die 1787 der reichste Fürst des Kontinents, Carl Anselm von Thurn und Taxis, heiratet. Wir gedenken ihrer im Friedhof, wo man noch heute ihren Familiennamen liest.

Doch die Töchter des Orts schmieden ihr Glück nicht nur in der Ferne, sie haben ja zu Hause den Geistlichen, der sich um deren Seele - und Leib kümmert. Von so manchem Propst erzählt man Unglaubliches, das sein Echo dann auf den Bergen findet. „Auf der Alm, da gibt´s koa Sünd”, lautet ein Schlager von damals. Lauschen wir nur kurz dem Münchner Schriftsteller Heinrich Noe: „Eine Sennerin, Lisei, war Sängerin. Die Ausübung der liberalen Kunst hatte bei ihr auch eine liberale Moral entwickelt” - mit „jungen Burschen ganze Nächte”, behauptet er.

Wir stoßen in Hetteggers Edelweiß auf dieses Genre, an der Wand im Jägerstüberl zum Beispiel, in dem man so manchem Dirndl ansieht, daß es zum erstenmal ausgeführt wird und deren Trägerin sich gerne schmeicheln läßt, jetzt noch attraktiver zu sein. Gar nicht los von diesem Gewand kommt der Austria-Dichter Hermann Schmid am Königssee, konkret von den „hübschen Schifferinnen mit ihren knappen goldverbrämten Sammtmiedern”. Der Verfasser eines langen Berichtes in der großen Augsburger Abendzeitung (25. Oktober 1845) nennt diese Mädchen nicht, wie üblich, „Überführerinnen”, sondern ganz einfach „Verführerinnen.”

Und der Königssee hält noch andere Spezereien bereit, berichtet der Journalist von damals weiter. „Sogenannte Saiblinge (Salmo alpinus) mit sehr wohlschmeckendem Fleische.” Auch der bereits zitierte Noe meldet sich dazu: „Die meiste Beachtung wirst du dem berühmten Saibling schenken”, die er „die Perle der Fische” nennt. Heute angeboten in St. Bartholomä, frisch und feil. Ihr aktueller Preis neben der wunderbaren Wallfahrtskapelle (mit Bildern des Patrons und der Heiligen Katharina, Jakobus und Nikolaus): 3.90 Euro. Wo in Deutschland ißt man noch so vorzüglich und preiswert?

Dabei bewegt sich der Topos auf Weltniveau. Man kennt ihn in Tokio und Toronto. Die Kapelle mit den roten Kuppeltürmen hat 1868 Bayernherrscher Ludwig II., der hier aufwuchs, vor dem Abriß gerettet, der bekannteste König unserer Erde. Wer hierher kommt, so urteilt der erwähnte Poet Schmid, „mag den Tag immerhin roth anstreichen im Kalender, einen schöneren hat er wohl kaum erlebt”.

So geläutert kehren wir zurück. Da kann das Resümee nur lauten: Was ist vergnüglicher, als mit einem Dirndl „die Perle der Fische” zu genießen, versteht sich im Edelweiß, auch wenn dunkle Wolken draußen und droben am Himmel aufziehen. Und wenn es der heimische Petrus gar zu bunt treibt, hat man die Alternative im warmen Wasserbereich oben. Dort tauchen schon mal der Fußballkaiser, der blonde Star der Berliner Journaille und der alte Landrat von Eichstätt auf. Und es geht - wie nicht anders zu erwarten - um Aktualitäten und Banalitäten: Meisterschaften und Mode, Mixa und Mieder, Merkel und - Martinsklause.

Infos:

Hotel Edelweiss , Maximilianstraße 2, D-83 471 Berchtesgaden - Tel.: 08652 97990 - E-mail: info@edelweiss-berchtesgaden.com - Internet: Berchtesgadener Land Tourismus GmbH




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