Per Schiff und Rad der Seine entlang

Lichterstadt, Seerosenteich und Kreideküste

La Seine - 560 ihrer insgesamt 775 km ist sie schiffbar und gilt als meist genutzter Inlandswasserweg mit weit mehr Handelsverkehr als auf jeder anderen Flussroute des Landes. 365 km, aber nur sechs Schleusen, benötigt sie für die Strecke von Paris bis zum Ärmelkanal.

Ideal also für eine kombinierte Schiff-Rad-Tour. Die Viking Spirit bietet zusammen mit dem Radtour-Veranstalter terranova 2012 erstmals die Möglichkeit, die Seine nicht nur per Schiff, sondern auch per Rad zu entdecken. Die Radwanderung entlang der Seine war nicht nur für das terranova-Team eine Pilottour, sondern auch für mich. Nach einem schweren Sturz im vergangen Herbst traute ich mich erstmals wieder in die Pedale zu treten.

Ankunft

Der krakenhafte Großflughafen Paris Charles-de-Gaulle empfing uns bei der Landung mit Regen und kalten Windböen – das heimatlichen München hatten ich Ende April dank Föhn mit hochsommerlichen Temperaturen verlassen. Wer auf Radtour geht, kennt zwar das altbewährte Zwiebelprinzip, aber noch lag die Radkleidung wohlverpackt im Koffer. Frösteln war also angesagt und dankbar genoss man, im zudem arktisch temperierten Bus, die kurz vor der Pariser Stadtgrenze durch die Busscheiben brechenden Sonnenstrahlen. Am Pont de Grenelle , mit der nach Westen blickenden kleinen Schwester der New Yorker Freiheitsstatue , lachte der Himmel schon blau-weiß auf Eifelturm und Fluss. Die Viking Spirt erwartete ihre aus allen Himmelsrichtungen eintreffenden Gäste funkelnd aufgeputzt und ebenso gut gelaunter Mannschaft, die den stets schlecht gelaunten Pariser Taxifahrern freundlich das Gepäck abnahm.

Einschiffung und Kabinenbelegung waren schnell erledigt und schon ging es auf eine Stadtrundfahrt durch das sonntägliche müßig gehende Paris. Wer Frankreichs Schönste noch nie gesehen, kommt aus dem Staunen und ehrfürchtigen Betrachtungen all des imperialen Glanzes gar nicht mehr heraus. Paris an einem Tag zu erleben ist unmöglich, es sei denn man kommt aus USA oder Asien. Viel Staunenswertes erfuhr man von der exzellenten Führerin, auch, dass kleine Klappfenster im Dach auf Französisch „le vasistas“ genannt werden und mit diesem Ausdruck sogar Eingang ins Wörterbuch fanden. Etwas erschöpft kehrte man pünktlich zum Abendessen aufs Schiff zurück und verkostete die kulinarischen Versuche des Küchenchefs. Das überaus freundliche, durchaus sehr junge Servicepersonal , war am ersten Abend ein bisschen überfordert mit all den gleichzeitig pünktlich um 19 Uhr zum Essen drängenden Passagieren. Engpässe waren, da abends kein Buffet, sondern ein gesetztes Dinner geboten wird, deshalb keine Seltenheit. Doch selbst zickige Damen und gockelnde Herren - diese Sorte Mitreisender gibt es überall – brachten die Küchencrew nicht aus ihrer Ruhe – Lächeln inklusive.

Versailles - amouröse Parkgeheimnisse

Die weitläufige, fast 100 qkm große Parklandschaft von Versailles empfing uns am nächsten Tag mit einem sehenswerten Spektakel. Als hielte noch immer Ludwig der XIV. hier Hof, promenierten reifrocksteife Adelsdamen , gepuderte Offiziere und ungewaschenes Fußvolk vor schimmernder Goldfassade und laufenden Filmkameras. Nach einer kenntnisreich geführten Wanderung durch dieses ” Abbild einer absolutistischen Herrschaftsvorstellung” und zugleich ” Vorbild für zahlreiche europäische Gartenanlagen” , erwarteten uns die glänzenden Touren-Räder – bestens gewartet standen sie in Reih und Glied, wurden jetzt je nach Größe und Gewicht für jeden Teilnehmer eingestellt. Kurz darauf umfing uns die Naturlandschaft des zauberhaften Regionalpark „ De la Haute Vallée de Chevreuse“, in dem auch der Sommersitz des Präsidenten, Château de Rambouillet , liegt. 22 km waren wir es am ersten Tag zu geradelt und die spürte ich jetzt auch in den Waden.

Unsere Rad- Truppe, von Ende Zwanzig bis hoch in die Siebziger , schlug sich all die Tage tapfer. Ich, als das schwächste Glied der Truppe, hatte mich gleich für ein Ebike (Aufpreis € 120.–) entschieden, und konnte daher auch locker mithalten. Alle sind erfahrene Radtouristen und Kai und Jessica, die beiden Tourleiter von terranova erwiesen sich nicht nur als äußerst liebenswerte, sondern zudem auch als sachkundige und versierte Guides. Der begleitende Tourbus war notfalls auch schnell zur Stelle, wer also mal eine Etappe nicht strampeln wollte, kein Problem. Für nicht umfahrbare, größere Abschnitt auf Bundesstraßen, wurden Taxis geordert- den Risiken stark befahrener französischer Straßen mochte man keinen Teilnehmer aussetzen.

Monets Garten

Die fast immer spätnachmittags stattfindende Rückkehr zum Schiff wurde dann von allen müde, aber zufrieden und voller schöner landschaftlich-kultureller Eindrücke genossen. Unser Schiff hatte Paris ohne die Radtruppe verlassen und erwartete uns in Vernon gegenüber einer pittoresken uralten Fachwerkmühle. Von hier aus starteten wir am nächsten Tag entlang einer ehemaligen Bahntrasse Richtung Giverny zu Monets weltbekanntem Garten mit Seerosenteich. 50 Jahre seines Lebens hat der Maler hier in der Normandie verbracht – heute durchstreifen Heerscharen von Touristen die weitläufige Gartenanlage. Für die Seerosen war es Anfang Mai noch zu früh, aber tausende von quakenden Fröschen und mindestens ebenso viele kichernde Asiaten sorgten für eine unvergessliche Geräuschkulisse.

Durch duftende Rapsfelder, blühende Wiesen und kleine beschauliche Ortschaften folgten wir dem Fluss bis La Roche Guyon. Gegenüber der in und auf dem Felsen gebauten Burg und der darunterliegenden festungsartigen Schlossanlage aus dem 18. Jahrhundert, erwartete uns Jessica hoch über der trägen Seine auf einer gemauerten Terrasse mit einem köstlichen Picknick. Salami, Käse, Wein, Salate, Obst, die Küche der Viking verwöhnte uns wieder einmal aufs Köstlichste. Nach Rückkehr am Nachmittag lockte noch ein Spaziergang durch das mittelalterliche Vernon mit seinen schönen Fachwerkhäusern, ehe die Viking Spirit zum Abendessen eine kleine Seine-Spazierfahrt unternahm, um ihren Gästen den Ausblick zu verschönern. Am Hafen hatte nämlich, in bewährter Päckchenmanier, ein weiteres Schiff angedockt.

Rouen –nicht nur Jeanne d’Arcs Scheiterhaufen

Mit dem ersten Tageslicht verlassen wir Vernon und treffen gegen Mittag in Rouen ein, wo uns der Wettergott erstmals nicht mehr gnädig war. Es regnete, der Radausflug durch zwei der schönsten Flussschlingen wurde zwar nicht abgesagt, aber stark verkürzt. Die Radetappe endete an der großartigen Klosterruine von Jumièges, einer Benediktinerabtei aus dem 11. Jahrhundert.

Ich hatte diese Regenetappe geschwänzt – und stattdessen ein wenig Rouen erkundet. Immerhin ließ die Jungfrau von Orleans hier am 30. Mai 1431 am Scheiterhaufen ihr Leben, neben der wuchtigen Kathedrale ist die einstige Richtstätte ihres ebenso grausamen wie sinnlosen Todes, eine der meist besuchten Sehenswürdigkeiten der touristenüberbordenden Stadt.

Spotlights für zwei Räder

Längst war aus unserer kleinen Radtruppe eine eingeschworene Gemeinschaft geworden. Man nahm Rücksicht aufeinander , von einer Ausnahme abgesehen, beschwerte sich niemand, wenn mal das ein oder andere Problemchen auftrat. Und man respektierte einander. Quasselstrippen , gefürchtet auf vielen Gruppenreisen, gab es einfach nicht. Kai teilte täglich einen der Gruppe als letzten Fahrer ein, verantwortlich dafür, dass keiner unbeachtet zurück blieb, sich verfuhr oder einfach keine Kraft mehr hatte. Längst genoss man die erlebnisreichen Ausflüge mit dem Rad ebenso wie die entspannenden Stunden auf dem Schiff. Und man lernte seine Mitradler kennen. Viele ältere, aber nicht nur im Herzen jung gebliebene Paare , die noch immer händchenhaltend durch die Gassen liefen, staunend wie Kinder, sich erfreuend an der gemeinsamen Zeit. Hilfsbereit, doch nie vereinnahmend , erstrampelte man sich gemeinsam die Normandie, erzählte von anderen Reisen, von Kindern und Enkeln und genoss auch das Schweigen der Nachbarn.

Wer beschauliche Radwanderungen inklusive guter Organisation und wohltuend menschlicher Betreuung ebenso liebt, wie die kulturellen Highlights am Wegrand, wird sich nicht nur auf der Viking Spiri t sondern auch beim stets hilfsbereiten Team von terranova rundum wohlfühlen. Wer allerdings sportliche Höchstleistungen erzielen will, wäre bei dieser Tour fehl am Platz. Denn nie ging es darum, möglichst schnell anzukommen, sondern unterwegs Land und Leute auf sich einwirken zu lassen!

Normannische Alabaster-Schönheit

Die Seine mäandert von Rouen noch gute siebzig Kilometer in weiten Schleifen anmutig durch die Normandie bis zum Ärmelkanal. Reetgedeckte Bauerngehöfte, sattgrüne Obstbaumwiesen, und Fachwerkdörfer liegen wie Postkartenmotive am Wegrand, schmücken sich mit romantischen Ruinen und einladenden Schlössern bis hin zu den steilen Kreideklippen der Côte d´Albâtre, welche wir am Morgen des vierten Tages, zwar ohne Sonne, aber immerhin auch ohne Regen, erklommen. Gigantisch die Aussichten, schaudernd der Blick in die brodelnde Tiefe, wo das Meer mit gewaltigen Schaumkronen sich an den Felsen bricht, die Wassergischt hoch aufspritzen lässt, um sie Sekunden später wieder einzusaugen. Nach gut zwei Stunden Wanderung erreichten wir schlammbespritzt den Bio-Ziegenhof Le Valaine, genossen die köstlich schmecken kleinen Käse verschiedener Reifegrade, göttlich mundende Pralinen aus Ziegensahne und bewunderten den etwas unwilligen Herrn der Herde mit seinem imponierenden Gehörn. Den Rest des Tagesauflugs legten wir nicht mehr Bus oder per pedes, sondern mit Hilfe unserer längst liebgewordenen Räder zurück. Bergauf und bergab führte die Fahrradroute durch das vom Regen gesättigte Grün der normannischen Landschaft, kreuz und quer durch kleinere und größere Dörfer, vorbei an weitläufigen Bauerngütern, blühenden Gärten und in sich selbst ruhenden uralten Kirchen nebst ihren Friedhöfen. Und gerade in ihnen ist die Geschichte des Ortes oft besser abzulesen, als in manchem Führer.

Nicht alle Radtouren endeten direkt beim Schiff, diesmal war es ein Bus, der uns gegen Ende des Tages wieder zurück an Bord beförderte. Die Flussschiffe befahren die Seine nur bis Rouen, kehren von hier um in Richtung Paris. Zwei Tage, zwei erlebnisreiche Radausflüge warteten noch auf entdeckungshungrige Abenteurer. Für mich ging die Reise am nächsten Morgen zu Ende. Kurz bevor das Schiff die Anker lichtete, verließ ich die liebgewordene Viking und ein Taxi brachte mich zum Bahnhof. Mein Seine-Erlebnis war zu Ende, schade, ich habe mich rundum wohlgefühlt und ein bisschen wehmütig dachte ich im durch die Landschaft eilenden Zug nach Paris darüber nach, was ich wohl alles versäumte…

Au revoir, ihr lieb gewordene Radbegleiter, adieu Viking Spirit – wer weiß, vielleicht sieht man sich ja irgendwann irgendwo mal wieder.




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