Traumjob Schiffsarzt?

  • ©Wolfgang Hirler

Interview mit Schiffsarzt Dr. Thomas Bretting

Mein Schiff 2 am 11.11.14: Letzte Nacht erwachte ich, weil mir etwas fehlte? Wie immer auf Reisen muss man ja erst mal den Kopf so weit klar bekommen, dass man weiß, man ist nicht zu Hause im Bett. Klar, ich bin ja im Urlaub – auf einem Traumschiff. Aber warum steht das Schiff und das mitten in der Nacht? Wo man doch die gefährliche Passage durchs Rote Meer und rund um den Golf von Aden möglichst schnell hinter sich bringen wollte. Man darf deswegen des nachts auch die Vorhänge nicht öffnen, um ja kein Licht in die Finsternis des Meeres zu entlassen. Verständlich, trotzdem schade, denn wir haben Vollmond und da sind die Nächte auf See besonders schön. Aber waren das nicht gerade Stimmen, vorne am Bug, auf den ich von meiner Eckkabine so herrlich sehen kann? Ich stand auf, schlich zum Fenster und lupfte vorsichtig den Verdunklungsstoff ein wenig zur Seite. Am Bug war alles dunkel, doch eine Menge Leute liefen, beugten sich über die Bordwand. Piraten! Ja, was sonst? Also doch, schon in der ersten Verdunklungs-Nacht von Piraten gekidnappt! Ich versuchte mir die Sicherheitshinweise ins Gedächtnis zu rufen, aber da war nichts im Kopf, nur Leere. Erst mal in Ruhe abwarten….

Stunden später erwachte ich, halb sitzend als liegend und vernahm von weitem die Durchsage der Kreuzfahrtdirektorin draußen in den endlos langen Kabinengängen. Sie forderte aber nicht dazu auf, sich irgendwo einzureihen, sondern erzählte nur, was man heute für Wetter zu erwarten hätte und dass das Thermometer wohl auf rund 29°C steigen würde – allerdings gäbe es Wind und der sei gefährlich, weil man dann vergisst sich einzucremen. Komisch, die Piraten mussten wohl sehr human sein. Vermutlich wollten Sie uns gut erhalten an Land bringen, damit die Lösegeldzahlungen dann auch reichlich fließen konnten.

Kurz darauf ging ich zum Frühstück. Am Pooldeck drehten die bekannten Jogger ihre Runden, die ersten Liegen wurden reserviert, alles schien wie gehabt. Der freundliche Philipino am Buffet verstand zwar Piraten, schüttelte aber lachend den Kopf. An der Rezeption klärte man mich dann endlich auf – es hatte in der Nacht einen medizinischen Notfall an Bord gegeben. Ein 90jähriger Gast hatte eine innere Blutung erlitten und musste in Begleitung seiner gleichaltrigen Lebensgefährtin von Bord gebracht werden. Unser Schiff änderte den Kurs, fuhr ganz nahe an die Küste von Saudi – Arabien heran, wo ein Lotsenboot mit Notarzt den Kranken übernahm, um ihn nach Dschidda ins Hospital zu bringen. Das Risiko ihn an Bord zu behandeln, war den Schiffsärzten einfach zu unwägbar erschienen.

Am Nachmittag dieses 11.11. 2014 stand mir dann Dr. Thomas Bretting, einer der beiden Ärzte an Bord der Mein Schiff 2 , für ein Interview zur Verfügung.

Gcom: Dr. Bretting, was hat sie veranlasst an Bord eines Kreuzfahrschiffes anzuheuern?

Dr.B: Ich habe eine Praxis für Allgemeinmedizin in Nürnberg und fahre jetzt bereits zum dritten Mal als Schiffsarzt. Es ist zum einen ein bisschen Urlaub, zum anderen eine gute Gelegenheit, vom täglichen Alltagstrott Abstand zu gewinnen.

Gcom: Wie lange dauert diese Tätigkeit und wie schwer ist es, anschließend wieder in seinen Beruf zurück zu kehren?

Dr. B.: Die Verträge laufen in der Regel für 2-3 Monate und sind sehr begehrt. Es ist also nicht ganz einfach, einen befristeten Arzt-Job an Bord eines schönen Schiffes zu bekommen. Und man sollte sich auch darüber bewußt sein: Die letzte Entscheidung an Bord trifft immer der Kapitän und nicht der Arzt. Daran muss man sich (als selbständiger Allgemeinmediziner, Anm. d. Red.) erst mal gewöhnen und lernen sich in ein bestehendes System einzufügen. Und die Rückkehr ist sowohl beruflich als auch privat nicht immer einfach – beides verlangt eine Umstellung und auch Toleranz vom Partner. Wenn man älter ist, geht dies einfacher, aber für Junge ist es schwierig, wenn nicht fast unmöglich, weil de facto jede Partnerschaft an der langen Abwesenheit zerbricht. Und in der Praxis bedarf es einer gut abgestimmten Partnerschaft, die auch reibungslos funktioniert, wenn einer der Partner für längere Zeit abwesend ist.

Gcom: Welches sind die häufigsten an Bord auftretenden Krankheiten und was sollten Passagiere vor Antritt einer Kreuzfahrt beachten

Dr. B.: Gott sei Dank fast immer banale Dinge, wie Erkältungs, Magen verdorben, Schnittverletzungen, Verbrennungen in der Küche. Aber wir haben immer auch Diabetiker mit teilweise sehr hohen Blutzuckerspiegeln, Gäste mit Herzproblemen, Thrombosen, oft durch Dehydrierung ausgelöst oder Lungenentzündung an Bord. Häufig treten auch Immobilitätsprobleme auf.

Gcom: Sie hatten auf dieser Reise einen Notfall an Bord. Wie schwierig ist die Entscheidung, den Patienten auf hoher See von Bord zu bringen und wer trägt die Kosten für diese Aktion?

Dr. B.: Um diese Entscheidung zu treffen muss in aller Regel ein Schlaganfall, eine Magen-Darm-Blutung, epileptische Anfälle, oder eine Demenz (die sich während der Reise so verschlimmert, dass der begleitende Partner überfordert ist), vorliegen. In diesem Fall setzen sich die Ärzte mit dem Kapitän zusammen und entscheiden, was geschehen soll. Die letzte Entscheidung trifft dann der Kapitän.

Die Kosten für solche eine „Evakuierung“ trägt in aller Regel die hoffentlich vor Reisebeginn abgeschlossene Auslandskrankenversicherung. Denn die Kosten für einen Krankheitsfall auf Kreuzfahrt können schnell sehr hoch werden. Wer beispielsweise in der Karibik für vier Tage in ein Krankenhaus gebracht werden muss, muss hinterher schnell mit einer Rechnung von gut und gerne US-Dollar 40.000 rechnen. Besteht keine Versicherung, bleibt der Patient auf diesen Kosten sitzen.

Hier an Bord sind alle Passagiere Privatpatienten, d. h. eine ärztliche Behandlung wird in Rechnung gestellt. Da dass Schiff unter der Flagge Maltas fährt, untersteht man in diesem Fall maltesischem und nicht deutschem Recht.

Es ist daher ganz wichtig ist Passagiere einer Kreuzfahrt, dass man sich vorher darüber im Klaren ist, dass hohe Kosten im Krankheitsfall entstehen können wenn keine Zusatzversicherung abgeschlossen wurde. Und die gibt es ja bereits ab 12 Euro für ein ganzes Jahr, z. B. vom ADAC für Mitglieder.

Aber Sie glauben gar nicht, wie viele Passagiere hier in das Bordhospital kommen und uns als erstes ihre gesetzlichen Krankenkassenkarten vorlegen.

Gcom: Für welche Fälle ist das Schiffshospital eingerichtet und ab wann muss man die Entscheidung zur Ausschiffung treffen

Dr. B: Wir sind hier wie der Hausarzt für Crew und Gäste und natürlich auch ein Notarzt für akute Notfälle, die aber schnell behebbar sein sollten, d.h. die maximal nach einem Tag stabilisiert werden können. Wir können kleine Wunden versorgen, auch mal eine Schnittverletzung nähen, aber wir können hier keine Operationen oder größeren Eingriff vornehmen.

Sollten schwerwiegende Probleme vorliegen, wird dem Kapitän Meldung gemacht und eine Ausschiffung von diesem angeordnet.

Gcom: Was passiert, wenn der Schiffsarzt mal selber erkrankt

Dr. B.: Es sind immer zwei Ärzte an Bord und natürlich auch Sanitätspersonal, welches ggf. über gute Kenntnisse verfügt.

Gcom: Würden Sie den Job erneut antreten und was empfehlen Sie Kollegen, die sich dieser Überlegung stellen?

Dr. B.: Ja, ich gehe ja auch regelmäßig auf „große Fahrt“. Und man lernt hier am Schiff sehr schnell sehr gut zu improvisieren.

Besten Dank für das Interview.

Nachsatz: Der “Notfall” konnte in Saudi-Arabien stabilisiert werden und wenige Tage später die Heimreise per Flugzeug antreten.




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