Cholesterin – Freispruch für ein angeklagtes Molekül?

Ist Cholesterin ein schlechtes Fett? Viele denken das. Und tatsächlich: Ist der Cholesterinspiegel zu hoch, so steigt die Gefahr, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. Das hängt damit zusammen, dass zuviel Cholesterin im Blut die Gefäße schädigt. Ein besonderer Risikofaktor ist hier das Cholesterin, welches im Blut von der Leber zu den Organen transportiert wird. Fachleute nennen es das LDL-Cholesterin. Patientinnen und Patienten, die zu viel LDL-Cholesterin im Blut haben, müssen größtenteils Medikamente einnehmen, die helfen, ihren Cholesterinspiegel in Zaum zu halten. Mittlerweile zeichnet sich sogar der Trend ab, dass schon vorbeugend Cholesterinsenker eingenommen werden. Ohne dass ein gefährlicher Cholesterinwert gemessen wurde, sondern allein, um einem zu hohen Fettgehalt im Blut vorzubeugen. Dass diese sogenannte prophylaktische Einnahme auch gefährlich sein kann, belegt eine aktuelle Studie, die Prof. Dr. Michael Bauer aus Jena und Prof. Dr. Ulrich Maus aus Hannover gemeinsam mit Kollegen aus Lyon, Innsbruck, den USA und Australien durchgeführt haben.

Lungenentzündungen – warum wir daran sterben

„Wir wollten in unserer Studie herausfinden, welche Faktoren den Verlauf und die Prognose einer Lungenentzündung bestimmen“, erklärt Professor Bauer. Er ist der Sprecher des Center for Sepsis Care and Control, kurz CSCC, einem Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum, in dem Sepsis und Sepsisfolgen mit finanzieller Unterstützung des Bundesforschungsministeriums untersucht werden. Lungenentzündung oder Pneumonie ist die häufigste tödliche Infektionskrankheit in Deutschland. Zehntausende sterben hierzulande jährlich an einer Lungenentzündung. Weltweit sind es drei bis vier Millionen Menschen.

Kleine kugelrunde Bakterien, die Pneumokokken, greifen dabei in über der Hälfte der Fälle unsere Lunge an und setzen Zellgifte frei. Pneumolysin ist ein solches Zellgift. Es hilft den Bakterien, die menschlichen Zellen zu befallen, das Immunsystem in Schach zu halten und die Vermehrung der Bakterien zu fördern. „Meistens bleiben Lungenentzündungen begrenzt und heilen unter Behandlung mit geeigneten Antibiotika gut aus“, erklärt Professor Bauer. „Doch kann sich die Infektion zu einer lebensbedrohlichen Sepsis entwickeln, andere Organe schädigen und tödlich enden“, weiß der Intensivmediziner. Eine wesentliche Rolle spielt dabei das Cholesterin. Es scheint das Gegengift zu Pneumolysin zu sein. Die Forscher konnten Pneumolysin nämlich mit Hilfe von Cholesterin unschädlich machen.

Umdenken in Sachen Cholesterinsenker nötig?

„Auf Cholesterin sind wir dank unseres systembiologischen Ansatzes gekommen“, erklärt Professor Bauer. „Das heißt, wir haben bei unseren Mäusen, die an einer Lungenentzündung erkrankt waren, nicht nur die Stressantwort in der Lunge, sondern auch im Blut und in der Leber untersucht.“ Und hier beobachteten die Forscherinnen und Forscher dann auch die entscheidende Veränderung: Pneumolysin kurbelt die körpereigene Cholesterinproduktion in der Leber an. „Dieser ausgeklügelte Abwehrmechanismus, der wahrscheinlich auch beim Menschen existiert, ist natürlich dann geschwächt, wenn Medikamente eingenommen werden, die unsere Cholesterinproduktion drosseln“, vermutet der Wissenschaftler. „Hier müsste die Debatte um die liberale Einnahme von Cholesterinsenkern zur Primärprävention in eine neue Richtung gelenkt werden. Bisher werden hauptsächlich gesundheitsökonomische Aspekte in den Vordergrund gestellt, also die Kosten der Medikamente versus den Nutzen, berechnet aus der hinzugewonnen Lebensqualität. Dabei handelt es sich bei unserer Beobachtung um eine ganz konkrete Gefahr, die von einem zu niedrigen bzw. zu voreilig eingestellten Cholesterinspiegel ausgeht.“

Die Wissenschaftler wollen diesen Zusammenhang zwischen Cholesterin und Lungenentzündung nun in einer Studie mit Patientinnen und Patienten bestätigen. „Derzeit arbeiten wir an Strategien, eine Cholesterin-basierte Therapie gegen die Lungenentzündung zu entwickeln“, erklärt Professor Bauer abschließend.




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