Fett weg?

Herr Professor Klein, wie wird man Fettforscher?

Der Energiestoffwechsel war mein Topthema, da mich interessierte, wie Zellen reguliert werden. Denn fast alle modernen Volkskrankheiten, wie Adipositas (sprich: Übergewicht) oder Diabetes, Bluthochdruck auch eine Herzkranz- und Großgefäßverkalkung, sind im Prinzip Folgen einer gestörten Regulation des Energiestoffwechsels.

Eher durch Zufall habe ich mich während der Ausbildung auf den Stoffwechsel der Fettzellen spezialisiert. Das war an der Harvard University in Boston, wo es ein entsprechendes Vorläufermodell des von mir später entwickelten Zellmodells gab.

Fett hat generell einen schlechten Ruf. Zu Unrecht?

Ja. Das richtige Fett am richtigen Ort zur richtigen Zeit ist lebenswichtig. Sogar überlebensnotwendig. Wir brauchen Fett. Ohne Fett sind wir krank. Das wissen wir sehr gut aus verschiedensten Studien, Beobachtungen und Erkrankungen. Wie viel Fett man wann braucht - das ist ein dynamischer Prozess, der nicht statisch reguliert ist, sondern lebenslang schwankt. Typisch Stoffwechsel eben.

Wo ist denn der richtigen Platz für das Fett am Körper?

Fasst man bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen, kann man davon ausgehen, dass das gesunde Fett auf den Hüften sitzt. Es siedelt sich wahrscheinlich eher subkutan an und nicht tief im Bauchraum.

Was ist gesundes Fett?

Fett ist nicht gleich Fett. Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil. Aus dem sich der bereits erwähnte schlechte Ruf ableitet, Fett sei generell schlecht. Bei dem Fettgewebe, das wir u. a. erforschen, handelt es sich um wahrscheinlich für den Stoffwechsel eher ‘gutes‘ gluteales Fett. Es sitzt auf den Hüften und hat eine ganz andere funktionelle Bedeutung als das Fett, das etwa in der Unterhaut um den Bauch oder im tiefen Bauch vorkommt.

Das gluteale Fett bildet quasi die Basis des weiblichen Schönheitsideals. An der Harvard School of Public Health haben Forscher Weltliteratur aller Epochen auf die Beschreibung der Schönheitsdieale hin analysiert. Bei allen Ethnien und Generationen wurde der Fokus dabei stets auf zwei wesentliche Punkte gelegt: schöne Brüste und das richtige Taillen-Hüfte-Verhältnis mit schlanker Taille und ausladender Hüfte. Klassisches Beispiel ist die Venus von Willendorf.

Was war der Anlass für die Anti-Cellulite Studie?

Wir wollten herausbekommen, wie die einzelnen Fettdepots genauer und besser einzuschätzen sind. Die Untersuchungen haben ergeben, dass an den Hüften und Oberschenkeln eine lokale Adipositas mit anderer funktioneller Relevanz vorliegt als beim Bauchfett. Für die NIVEA Forscher von Beiersdorf war das die Vorgabe für einen wichtigen neuen Behandlungsansatz und richtungweisend für die Suche nach den dafür nötigen Wirkstoffen. Als Universitäts-Forschungsteam wissen wir wiederum, dass gerade gluteales Fett besonders gute Stammzellen enthält. Man trägt darin sozusagen sein eigenes Regenerationspotenzial mit sich herum. Das haben wir unter medizinischen Aspekten genau untersucht.

Geht es im Zusammenhang mit der Cellulite um das „gute” gluteale Fett?

Ja - auch. Es geht z. B. um die Frage, ob sich dieses Fett leichter in das sogenannte „braune Fett” umwandeln kann. Es ermöglicht kleinen Säuge-tieren das Überleben in der Kälte, weil es Energie in Form von Wärme abstrahlt.

Dieses Fett hat eine bräunliche Farbe u. a. wegen der Vielzahl von Mitochondrien - den Kraftwerken der Zellen, die dort vorhanden sind. Die Fette, die hier in den Zellen eingelagert sind, können aufgespaltet und abgebaut werden. Die darin enthaltene Energie ´verpufft´ dann buchstäblich, der Stoffwechsel wird angeregt.

Neueste Untersuchungen belegen, dass dieses Fett auch beim erwachsenen Menschen vorhanden und aktiv ist. Eventuell lässt es sich sogar durch bestimmte Lebensstil- oder medikamentöse Maßnahmen vermehren.

Unter Fettgewebe stellt sich der Laie meist eine lästige träge Masse vor.

Ist sie in Wirklichkeit nicht wesentlich aktiver als die meisten Menschen, die sich über ein Zuviel davon beklagen?

Richtig. Die Fettzellfunktion beinhaltet ein ganzes Spektrum von Tätigkeiten. Das Fettgewebe speichert nicht nur Fett, sondern es ist auch mitverant-wortlich für ein intaktes Immunsystem und gute Reproduktionsfähigkeiten. Es gibt dort zum Beispiel Hormone, die auf eine Vielzahl von Regelkreisen im Körper Einfluss nehmen.

Hormone im Fettgewebe? Was ist deren Aufgabe?

Sie sind wichtig für die Gesundheit von Knochen, Abwehrsystem und Fortpflanzung. Ein solches Hormon ist etwa das Leptin, das 1994 entdeckt wurde. Es spielt eine entscheidende Rolle, wann die Pubertät beginnt und ob eine Frau fortpflanzungsfähig ist oder nicht. Ein gutes Beispiel dafür ist der bei Hochleistungssportlerinnen häufig gestörte Monatszyklus. Austrainiert wie sie sind, verfügen sie kaum über Fettgewebe und dement-sprechend über wenig oder gar kein Leptin.

Welche bisher versteckten Aktivitäten hat das Fettgewebe noch zu bieten?

Wir wissen inzwischen, wie wichtig Hormone aus dem Fettgewebe für die Knochenstärke sind. Außerdem nehmen sie wohl Einfluss auf die Verknüpfung der Synapsen im Gehirn. Wir haben erste Anhaltspunkte, dass die Synapsen, die beispielsweise vorgeburtlich beim Heranwachsen zur Appetitregulation geschaltet werden, von der Höhe des Leptin-Spiegels abhängig sind.

Wahrscheinlich gibt es auch Moleküle, die das Muskelwachstum mit regulieren. Vielleicht sogar welche, die kognitive oder gar charakterliche Funk-tionen steuern.

Wie findet man heraus, ob die ‘klassisch‘ weiblichen Rundungen zwar ‘gutes‘, aber dennoch zu viel Fett eingelagert haben oder nicht?

Der Maßstab für die Fettverteilung im Körper ist die Waist to Hip Ratio, kurz WHR. Dafür misst man den Taillenumfang unterhalb des Rippenbogens. Der Mann sollte dort nicht mehr als 102 Zentimeter - nach den neuesten Richtlinien sogar 94 Zentimeter - Umfang haben, die Frau nicht mehr als 88 bis 80 Zentimeter. Dann wird die Hüftweite gemessen. Aus beiden Angaben nimmt man den Quotienten. Er sollte bei Frauen unter 0,8, bei Männern unter 0,9 liegen.

Bekommt jeder Mensch von Natur aus „sein Fett” weg?

Ich glaube schon. Dafür sprechen zwei Gründe. Wir wissen aus Versuchsreihen, dass man das Gewicht bis in die zweite Generation vorprogrammieren kann. Durch bestimmte Ernährung wird das Sättigungsgefühl des Ungeborenen im Mutterleib festgelegt. Diese Konditionierung wird zwei Generationen später relevant.

Meiner Ansicht nach ist deshalb nicht nur die heutige Vorliebe für Fast Food der Grund dafür, dass viele Menschen Übergewicht haben. Die Menschen essen einfach mehr - programmiert durch das Ernährungsverhalten der Generation davor, die in der Nachkriegszeit anders zu leben begonnen hat als die Generationen davor.

Esslust, von den Großeltern geerbt, das hat was.

Die Vermutung, dass da Genetik oder hormonell geprägte Gen-Regulation mitspielt, ist nicht neu. Ich habe ´mal in Meyers Konversationslexikon von 1896 nachgeguckt, was da zu dem Begriff Fettsucht steht. Und was liest man da? „Fettsucht ist im Prinzip ein genetisches Problem.” Dann wird dort noch ein bisschen etwas über die normalen Fettprozentsätze geredet. Damals hat ein normaler, gesunder Mann maximal 15 Prozent Fett am Körper gehabt. Und das bei einem täglichen Energieumsatz von über 3.500 Kilokalorien. Das heißt, die Menschen haben zu der Zeit viel harte körperliche Arbeit geleistet. War unter diesen Bedingungen trotzdem jemand dick, dann lag es also in der Familie, war genetisch bedingt.

Heißt das, Dicke haben jetzt eine Ausrede?

Nein. Das pränatal hormonell geprägte Sättigungs-verhalten spielt eine Rolle. Aber außerdem kommen die Lebensgewohnheiten dazu. Wer immer lernt, „du musst aber jetzt noch ein bisschen essen”, der kann die Sättigungsschwelle nicht mehr scharf wahrnehmen. Sie verrutscht. Das hat irgendwann einen kumulativen Effekt. Dann geht die Waage mit zunehmendem Alter nicht langsam nach oben, sondern ganz schnell.

Kommt dann die Fresslust ins Spiel?

Es gibt eine Art inneres Suchtsystem. Der Körper verfügt über Endocannabinoid-Rezeptoren, die auf Rauschmittel wie Cannabis anspringen. Diese Rezeptoren gibt es interessanterweise nicht nur im Gehirn, sondern auch auf den Fettzellen. Warum? Weil der Körper aus der Zellmembran innere Stoffe herstellt, um Stress-Situationen zu kompensieren. Stress aber verbraucht Energie. Und um die zu ersetzen, bekommt der Mensch Hunger. So funktioniert unser endogenes Belohnungssystem.

Essen ist auch Lust. Wo das Bedürfnis nach Lustbefriedigung durch erfüllende Arbeit, soziale Interaktion oder Bildung nicht ausreichend gestillt wird, gewinnt das Essen - und zwar jenes von meist von schnell erreichbaren, eher ungesunden Nahrungsmitteln - an starker Bedeutung. Dies kann eine Erklärung dafür sein, dass es beim Übergewicht eine soziale Schichtung gibt.

Wird Übergewicht generell überbewertet?

Ja. Es gibt durchaus ein ‘gutartiges Übergewicht‘ - dicke Menschen, die gute Fett- und Zuckerwerte haben, einen normalen Blutdruck und ein geringeres Risiko für Diabetes und Herzkreislauferkrankungen als manche schlanke Person. Womit wir wieder bei der Genetik wären. Wer gesund leben will, dass ist mein Rat, soll sich über das Gewicht keine übermäßigen Sorgen machen. Er soll ganz einfach darauf achten, gut zu schlafen, sich viel zu bewegen und ausgewogen zu essen, bis zur Sättigungsgrenze bei guter Nahrungsmittelzusammensetzung. Mehr nicht. Das sind die klassischen Regeln, die schon seit dem Altertum gelten.




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