Gendermedizin: Frauen sind anders, Männer auch

Dass Frauen anders ticken als Männer ist hinlänglich bekannt. Dass Frauen aber auch anders erkranken als die Herren, war bis Ende des letzten Jahrhunderts kein Thema. Das hat sich mit dem Siegeszug der Gendermedizin verändert. Den die geschlechtsspezifische Betrachtungsweise der Gesundheit von Frauen und Männern ist seit 1990 endlich auch in der Wissenschaft angekommen. Vorreiterinnen waren, wie könnte es anders sein, die forschenden Frauen

  • ©Andrea Danti - Fotolia

Nein, es geht hier nicht um den altbekannten Geschlechterkampf. Nicht um Emanzipation oder Quotenfrauen. Nicht um den Mann, der mit einem Schnupfen im Bett liegt und sein Testament schreibt. Es geht um eine neue Richtung in der Medizin, der Gender Medicine – Gender steht für Geschlecht - die sich mit der Frage nach der Bedeutung des Geschlechtes für Gesundheit, Prävention, Behandlung und Rehabilitation befasst. Frauen und Männer zeigen bei vielen Erkrankungen unterschiedliche Symptome und reagieren anders auf Behandlungen. Vieles, aber nicht alles kann biologisch erklärt werden. Umwelt und soziale Faktoren spielen nämlich auch eine nicht unerhebliche Rolle.

Pionierin für diese Richtung ist die amerikanische Kardiologin und Medizinwissenschaftlerin Marianne Legato: „Bis vor rund 10 Jahren waren wir Mediziner davon überzeugt, es genüge, Neues am Männerkörper zu erproben und zu erforschen und es könnten die gewonnenen Ergebnisse ebenso für Frauen gelten…“ schreibt sie Anfang der 1980-er Jahre in ihrem Standardwerk „Evas Rippe“. Im gleichen Zeitraum begann die Weltgesundheitsorganisation WHO sich mit den Unterschieden zwischen Männern und Frauen in der Medizin zu beschäftigen und gab 2001 eine Empfehlung heraus, um im Gesundheitswesen Strategien für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln und umzusetzen.

Das unterschiedliche Gesundheitsbewusstsein, soziokulturelle Phänomene, wie Lebensstil, Stress, Umwelt, das typische geschlechterspezifische Rollenverhalten – alle diese Faktoren spielen bei den unterschiedlichsten Erkrankungen eine Rolle, denen bisher unzureichende oder überhaupt keine Bedeutung beigemessen wurde.  

  • Am ehesten bekannt sind diese Unterschiede in der Kardiologie. Frauen mit Bluthochdruck achten besser auf eine gute Einstellung, als Männer. Beim Herzinfarkt treten bei Frauen oft ganz andere Symptome auf, als bei Männern, die nicht selten zu Fehldiagnosen führen können. Viele Ärzte wissen das mittlerweile und agieren entsprechend.
  • Ein anderes Beispiel sind die Kreatininwerte. Sie stehen im Zusammenhang mit der Muskelmasse bzw. deren Abbau. Männer haben mehr Muskeln als Frauen, im Alter bauen beide Geschlechter Muskelmasse ab, aber in unterschiedlichem Maße. Die richtige Interpretation der Kreatininwerte vor diesem Hintergrund kann zu einer besseren und individuelleren Behandlung führen.
  • Mammakarzinom ist nicht nur ein Frauenproblem. Bis zu 600 Männer erkranken jährlich ebenfalls daran. Männer sollten also genau wie Frauen, ihre Brust regelmäßig abtasten und Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, vor allem Männer, in deren Familien Frauen von Brustkrebs betroffen sind.
  • Im Bereich psychischer Erkrankungen werden mehr Frauen als Männer behandelt. Das heißt nicht, dass Frauen eher davon betroffen sind, sie gehen aber anders mit der Erkrankung um als Männer und sind eher bereit, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  • Auch beim Schmerzempfinden und der Schmerzverarbeitung gibt es Unterschiede zwischen Mann und Frau. Das liegt zum einen daran, dass die Rezeptoren im Hirn von Mann und Frau unterschiedlich empfindlich auf Schmerzreize reagieren, aber auch am psychosozialen Verhalten. Eine Frau, die neben Beruf Kinder und Haushalt versorgen muss, hat keine Zeit sich mit ihrem Schmerz auseinander zu setzen.
  • Stress kann Juckreiz auslösen – bei Frauen äußert sich dieser eher an den Beinen, beim Mann an den Armen. Ob diese Unterschiede auf erlerntes Verhalten oder biologische Unterschiede zurückzuführen sind, ist noch nicht bekannt.
  • Osteoporose ist nicht nur eine Erkrankung der Frauen, auch Männer werden davon betroffen. Bei der Frau spielt die Hormonumstellung in den Wechseljahren eine Rolle. Die Ursachen beim Mann werden noch erforscht.
  • Bei der medikamentösen Behandlung wurde bislang kein Wert darauf gelegt, die Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu berücksichtigen. Viele Medikamentenstudien werden nur mit meist jungen Männern durchgeführt, ohne auf den unterschiedlichen Stoffwechsel von Frauen oder gar älteren oder alten Menschen zu achten.
  • Bei Erkrankungen wird Medikament A zur Behandlung von Krankheit B in der Dosis C verabreicht, weil die Studien zu diesem Ergebnis kamen. Ob nun Frau oder Mann, jung oder alt, ganz anders darauf reagieren könnten, ob andere Dosierungen oder vielleicht ein anderes Medikament besser wären – das wurde kaum beachtet. Diese Liste kann beliebig weiter geführt werden.

„In unterschiedlichsten Untersuchungen werden Details ermittelt, genetische Faktoren diskutiert und Labordaten interpretiert, aber die einfachste differenzierende Frage wird oft gar nicht gestellt: Handelt es sich bei dem Patienten um einen Mann oder eine Frau“. Damit bringt Prof. Dr. Petra Thürmann, Pharmakologin und Vertreterin der geschlechtsspezifischen Medizin das Problem auf den Punkt. Noch immer werden die Geschlechter nach einem einheitlichen Schema diagnostiziert und therapiert.

Ob Medikamente oder Therapien wirken oder Nebenwirkungen auftreten, ob Behandlungen Kosten oder Folgeerkrankungen verursachen, ob diagnostische Maßnahmen zu aussagefähigen Ergebnissen kommen, ob Prävention oder Rehabilitation zum Erfolg führen, in allen Fällen kann eine geschlechtsspezifische Herangehensweise zur Verbesserung der gesamten gesundheitlichen Situation führen.

Gender Medicine und Gender Forschung versteht sich somit als eine fachübergreifende Wissenschaft, die geschlechtsabhängige biologische und psychosoziale Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten im Gesundheitsverhalten und bei Krankheitsprozessen zwischen Frau und Mann aufzeigt. Ihre Ziele sind somit6 nicht nur, diese Unterschiede in Praxis und Klinik zu implementieren. Es sollte selbstverständlich sein, den Einfluss des Geschlechts auch in der Forschung zu berücksichtigen. Studien müssen so geplant werden, dass geschlechtsspezifische Unterschiede herausgearbeitet werden. Übrigens und das ist bereits ein erster kleiner Erfolge der Gender Medicine: namhafte Fachmedien nehmen neuerdings Studienberichte nur an, wenn das Studiendesign geschlechtsspezifisch angelegt und ausgewertet wird.

In Deutschland begründete die Fachärztin für Kardiologie Prof. Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek die Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin. Sie gab 2011 zusammen mit Prof. Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione das erste Lehrbuch heraus unter dem Titel Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine. In Österreich gibt es an zwei Medizinischen Universitäten eigene Lehrstühle für Gender Medicine: Den ersten Lehrstuhl erhielt 2010 Prof. Dr. med. Alexandra Kautzky-Willer1 an der Medizinischen Universität Wien, den zweiten 2014 Prof. Dr. med. Margarethe Hochleitner an der Medizinischen Universität Innsbruck. Und - in Österreich kann seit 2010 auch der Master of Science in Gender Medicine erworben werden. Auch in Schweden, Italien und den Niederlanden arbeiten mittlerweile Teams an diesem Thema.

Europäische Dimensionen erreicht die Gender Medicine 2014 mit Gründung der EUGenMed, ein Projekt innerhalb des Siebten EU-Rahmenprogramms, in welchem Grundlagenforschung, Klinische Medizin, Pharmakologie, Öffentliches Gesundheitswesen und Prävention im Fokus der Diskussion stehen.


  1. Prof. Kautzky-Willer trägt auch die wissenschaftliche Verantwortliche des la pura med-konzeptes - einem Gesundheitsresort welches maßgeblich anhand frauenspezifischer Erkenntnisse der Gender-Medizin mit international anerkannten Spezialisten ausschließlich für Frauen entwickelt wurde. 




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