Verhaltensstörungen zwischen Medizin und Pädagogik

Ein Colloquium in Berlin zeigt einen Katalog von Hilfsmaßnahmen für Problemkinder und –jugendliche auf, denen „wenig schöne Aussichten“ prognostiziert werden

Welcher Lehrer kennt sie nicht, Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS genannt? Zur Förderung der Betroffenen hat die Shire Deutschland GmbH eine „Informationskampagne“ ins Leben gerufen und im Bundespressehaus in Berlin präsentiert. Als Schirmherrin stellte sich die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt zur Verfügung. Im Zentrum einer Podiumsdiskussion stand die Frage, wie man diesen Kindern und Jugendlichen helfen kann.

Immer wieder hörte man in Berlin das Wort vom „Katalog von Maßnahmen“, das inzwischen längst bei vielen Lehrern, Eltern, Erziehern und Medizinern angekommen ist. Am Ende allen Diskutierens steht aber sehr oft die Frage, ob man mit Medikamenten eingreifen soll. Erfahrene Lehrer, die sehr vorsichtig in ihren Äußerungen sind und ein Leben im Dienste des Kindes tätig waren, sagen heute einhellig, im Extremfall muß man es machen. Man nütze dem Kind – und was als ganz wichtig erscheint, die Erfahrungen bestätigten dies.

Mit seinem reichen Erfahrungsschatz ging der Präsident des mitgliederstarken Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, das Problem von der Pädagogik her an: „Kein Schulsystem darf sagen, dieses Kind paßt nicht zu uns. Auch wenn es anders ist, hat es einen Anspruch.“ Im gleichen Atemzug räumte er ein, die Lehrerausbildung sei diesbezüglich „sehr unterentwickelt“. Bevor man zu weitergehenden Maßnahmen greift, helfen auch schon „einfache Maßnahmen“. Als Beispiele nannte Wenzel, der immerhin 34 Jahre als Lehrer tätig war, ein reizarmes Klassenzimmer, ein Platz in der ersten Reihe mit wenig Ablenkung, wiederholte Bewegungsphasen, klare Regeln - und immer dem Kind zeigen, dass es verstanden und angenommen wird.

Wenzel klammerte das Thema Medizin weitgehend aus, naturgemäß kam aber darauf Leonhard Terp, der Geschäftsführer der Shire Deutschland , zu sprechen.

Die Pharmaindustrie, so betonte er eingangs, brauche sich „bewußt nicht zu verstecken“, die Diskussion in der Öffentlichkeit „wird den Patienten nicht immer gerecht“. „ADHS ist genetisch belegt“ und „zieht sich über den Globus“. Vier bis sechs Prozent des Nachwuchses seien davon betroffen. Dann seine Aussage, die eine Raunen im Publikum hervorrief: Wenn man in Gefängnisse guckt, stelle man einen erhöhten Anteil von ADHS-Betroffenen fest. Eine Studie belege dies.

In der von Shire Deutschland ausgegebenen Pressemappe liest man, die Kinder machten einen „Leidensweg“ mit: „Probleme in der Schule, Konflikte mit Lehrern und Erziehern, Ablehnung durch Gleichaltrige bis hin zu Ausgrenzung und Mobbing, ständiger Streit daheim.“ Shire Deutschland wolle auf „diese schwierige Situation“ aufmerksam machen und mithelfen, sie zu verbessern. Von entscheidender Bedeutung sei eine frühzeitige und exakte Diagnostik. „Bei der Behandlung der ADHS sollten immer mehrere Maßnahmen – Aufklärung, Elterntraining, fördernde Maßnahmen in Schule und Familie, Verhaltenstherapie, medikamentöse Therapie – bedarfsgerecht und individuell kombiniert werden.“

„Es darf kein Kind verloren gehen“, sagte Renate Schmidt, das Problem sei alt, was schon der „Zappelphilipp von Wilhelm Busch“ beweise. Abermals ein Raunen im Saal, der „Zappelphilipp“ ist eine Figur aus dem _Struwwelpeter_des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann, mußte sich Frau Schmidt sagen lassen. Professor Martin Holtmann (Universitätsklinik Hamm) konstatierte, es gebe „viele Kinder, die de facto ADHS haben, aber nicht in Behandlung kommen.“ Die Therapie sei eine „Bausteintherapie“: Aufklärung aller Beteiligten, Elterntraining, Verhaltenstherapie und Medikamente.Myriam Menter, Vorsitzende des Selbsthilfeverbandes ADHS Deutschland, erklärte den Medikamenten vorgeschalten werden soll ein Konzentrationstraining. Dann die These: „Kinder und Jugendliche mit ADHS benötigen viel Zuspruch, damit sie nicht die Zuversicht verlieren. Ist ihr Selbstvertrauen jedoch stark, dann können sie Erstaunliches leisten.“ Frau Menters deprimierendes Resümee: „Die Toleranz der Gesellschaft sinkt. Wenig schöne Aussichten!“




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