Adipositas oder das false hope syndrom

Dick ist nicht gleich dick! Belächelte man früher ein Dickerchen, so ist uns das Lachen längst vergangen - denn jeder vierte Erwachsene in Deutschland leidet an Adipositas - Tendenz, leider auch bei Kindern, steigend. Eine dauerhafte Gewichtsreduktion ist bei einem BMI von über 40 fast nicht mehr möglich. Doch selbst bei risikoreichen operativen Eingriffen ist der gefürchtete Jojo-Effekt bei Betroffenen nicht auszuschließen

  • Adipositas mit einem BMI über >40
    Adipositas mit einem BMI über >40 - ©Sylvia von Lichem

Schuld sind fast immer die anderen!

Das Hinschauen ist nicht einfach bei diesem Termin, denn der Gesprächspartner fällt auf. Nicht nur durch seine Größe, sondern vor allem durch sein Gewicht. 41 Jahre jung ist er, doch seine Schritte sind langsam, das Atmen fällt ihm sichtlich schwer, bei gut und gerne 200 kg, die er mit sich schleppt, auch kein Wunder. Er wurde gebeten zu erzählen von seiner Krankheit und vor allem von den sozialen Ausgrenzungen, die er dadurch zu erdulden hat. Sehr bald wird klar: Schuld daran sind immer die Anderen, das “Helfen-müssen” im Familienbetrieb, die damit entstandenen schwierigen Lebensumstände, die ein nicht selten tagelanges Durcharbeiten bedingten, das ständige Essen zwischendurch, weil die Zeit fehlte und und und… Der Monolog gerät zur Anklage. Eine, nach Umschulung rein sitzende Tätigkeit ohne extra großen Bürostuhl, keine Urlaubsreisen, denn man braucht doppelte Sitze und die kosten, keine Besuche in Restaurants oder Theatern, kein Auto, denn es muss umgerüstet werden, was widerum Geld kostet, kein Sport, denn bereits die 160 m zur Bushaltestelle überfordern den schwergewichtigen Körper völlig. Einmal hat er es sogar geschafft über 20 kg anzunehmen, aber dann gab es natürlich wieder ein unerwartetes Ereignis und die Kilos waren schnell wieder angefuttert. Nur der Antrag an die Krankenkasse auf einen teuren operativen Eingriff lässt ihn noch hoffen… Denn jetzt ist sein Leben ein einziger Verzicht!

Adipositas beginnt laut WHO bei einem BMI von >30 und ab >40 ist die höchste Stufe III erreicht. Die “über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts” und vor allem die damit verbundenen Folgeerkrankungen bis hin zur stark reduzierten Lebenserwartung sind jedoch vielen Betroffenen nicht wirklich bewußt.

Behandeln kann man die, mit einer enormen wirtschaftlichen Belastung unseres Gesundheitssystems verbundene Krankheit nur schwer und wenn sehr langfristig. Gilt es doch nicht nur die passende Therapie, sondern auch die richtige Diät für den jeweiligen Patienten zu finden. Mindestens sechs Monate sind dafür anzusetzen, die hohe Motivation der Patienten verliert sich schnell und gegen Ende erscheinen viele erst gar nicht mehr zu den Therapiestunden. Dabei ist eine Gewichtsreduktion von 5-10 % durchaus erreichbar - so es denn gelingt, den Schalter im Kopf umzulegen, um das Ziel zu erreichen. “Denn nur was ich erkenne, kann ich auch bekämpfen”, sagt dazu Prof. Martina de Zwaan von der Hochschule Hannover und fügt hinzu: “Man therapiert ja nicht die Waage, sondern den Menschen. Man muss vor allem achtsam sein und Krisen und Hochrisikosituationen im voraus erkennen.

Rasche Gewichtsabnahmen bestärken das gefürchtete false hope syndrom bei Betroffenen, und auch bei restriktiven Essverhalten muss sich der Erfolg nicht unbedingt einsetzen. Denn viele nehmen zu, auch wenn sie tatsächlich nur wenig essen. Die Folgen sind bekannt: Stigmatisierung führt zu Depressionen, die man nicht selten durch Essen bekämpft. Der Teufelskreis hat sich geschlossen.

Therapiemöglichkeiten

“Realistische Therapieziele, die von einem Behandlerteam individuell kombiniert werden müssen” sind nach PD Dr. Aberle einzig und allein entscheidend für den Erfolg. Leider fehlen dazu häufig nicht nur die Angebote, sondern auch die Finanzierungsmöglichkeiten. Gelingt es nicht, dieses Ziel durch entsprechende Ernährungs- und Verhaltenstherapien zu erreichen, bleibt häufig tatsächlich nur noch der operative Eingriff. Rund 8000 solche Eingriffe werden jährlich in Deutschland durchgeführt, Magenbypass oder die Anlage eines Schlauchmagens sind dabei die zum Einsatz kommenden chirurgischen Maßnahmen. Laut Professor Mann vom UK Hamburg-Eppendorf können damit “über einen Zeitraum von 15 Jahren hinweg … Gewichtsreduktionen von ca 25 - 30 % vom Ausgangsgewicht erreicht werden…”.

Eine Behandlungslücke kann seit einiger Zeit ein einmal täglich zu verabreichendes Analogon schließen. Saxenda® (Liraglutid 3 mg) wurde in einem groß angelegten multinationalen Entwicklungsprogramm untersucht und kann ebenso, wie das im menschlichen Darm vorkommende GLP-1-Hormon den Appetit durch Steigerung des Völle- und Sättigungsgefühl reduzieren. Es ist zur Ergänzung einer “kalorienreduzierten Ernährung und verstärkter körperlicher Aktivität… bei erwachsenen Patienten mit einem BMI >27 bis 30 sowie mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung” zugelassen.




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Das von der Fachgesellschaft zertifizierte Universitäre Adipositas-Centrum des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf bietet eine optimale und individuelle Betreuung und Therapie von Patienten mit krankhaften Übergewicht.


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