Angst und Depression

Der plakative Titel von Rainer Werner Fassbinders Melodrama scheint immer mehr unseren Alltag zu bestimmen: Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Beziehungsprobleme, Einsamkeit, sozialer Abfall, Verlustängste, diese und weitere Probleme lassen uns nicht mehr los, die Angst beherrscht unser Leben und treibt Menschen zu Panikattacken bis in die Depression. Schätzungen zufolge sind fast 80 % aller Deutschen mehr oder weniger stark von Angstzuständen betroffen. Viele schaffen es dann nicht mehr, aus eigener Kraft aus dem Tief herauszukommen und suchen professionelle Hilfe. Unterschiedliche Therapieansätze gegen die Angst gibt es viele, ein neuartiges Konzept scheint jetzt sanft und nachhaltig zu heilen.

„Als Frau Irene die Treppe von der Wohnung ihres Geliebten hinabstieg, packte sie mit einem Male wieder jene sinnlose Angst. Ein schwarzer Kreisel surrte plötzlich vor ihren Augen, die Knie froren zu entsetzlicher Starre, und hastig musste sie sich am Geländer festhalten, um nicht jählings nach vorne zu fallen. … Draußen stand aber schon die Angst, ungeduldig, sie anzufassen, und hemmt ihr so herrisch den Herzschlag, dass sie immer schon atemlos die wenigen Stufen niederstieg, bis sie die nervös zusammengeraffte Kraft versagen fühlte.” In Stefan Zweigs Novelle Angst beschreibt er diese typische seelische Pein und körperliche Reaktion von Menschen, die unter Ängsten leiden. Dabei ist Angst grundsätzlich zunächst etwas Positives: Sie hilft zu überleben und ist universelles Warnsystem. Aber sie kann eben auch zur Furie und Zerstörerin werden, wenn sie krank macht.

Angst kontrolliert den Körper

Angststörung als Beziehungskrankheit zeigt vielfältige Reaktionen: Betroffene haben unter anderem unregelmäßiges, verstärktes Herzklopfen, Brustschmerzen, weiche Knie, Zittern und Muskelverspannungen, Atemnot und Erstickungsangst, Schwitzen und Harndrang, Augenflattern, Schwindel, Ohnmachtsgefühl, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder Blackout aus Angst und Panikattacken mit schlimmstenfalls Furcht zu sterben, verrückt zu werden oder während einer Attacke etwas Unkontrolliertes zu tun.

Ursachenforschung: der persönlichen Angst auf der Spur

„Es gibt keine Angst und Panik an sich, sondern Menschen, die Angst haben oder unter Pa-nik leiden. Aus dieser eigentlichen Banalität leitet sich für uns die Konsequenz ab, dass wir uns gemeinsam mit dem Betroffenen mit seiner Individualität als Mensch mit seinem ganz persönlichen Erleben von Panik und Angst und seiner einzigartigen Geschichte auseinandersetzen müssen”, erläutert Dr. Wolfgang Hagemann, Facharzt für Psychiatrie und für Psychotherapeutische Medizin, Chefarzt der Röher Parkklinik in Eschweiler und Vorsitzender des internationalen Boards der Gesellschaft Systems in Transition. Bei Angst handelt es sich um einen komplexen Vorgang, der befriedigend weder vordergründig ausschließlich mit Medikamenten noch eingleisigen (Crash-)Therapiemethoden behandelt werden kann. Gründe für die Entstehung einer Panikattacke liegen in einer Überreizung in Situationen, die selbst oft nur noch einen ganz kleinen Stresslevel erkennen lassen, aber das bekannte Fass zum Überlaufen bringen. Somit ist nicht ausschließlich die akute Situation zu beleuchten, die Angst oder eine Panikattacke erzeugte. Vielmehr liegen die Gründe tiefer: möglicherweise ein Angst machendes Elternverhalten, erlernte Bindungsmuster, Beziehungsmuster, die sich zwischen dem einzelnen und seiner Kern- und Großfamilie herausgebildet haben und wie die Grenzen zueinander gestaltet werden. Jede Angst hat eine ganz persönliche Geschichte, mögliche Mitauslöser können Überforderungserleben, nicht zu vereinbarende Rollenerwartungen, Unfähigkeit, seine Grenzen in den unterschiedlichen Kontexten und Systemen schützen zu können und vieles mehr sein.

Multimodale klinische Therapie

Um von Angstzuständen Betroffene erfolgreich therapieren zu können, arbeitet Dr. Hagemann nach einem einzigartigen Konzept mit unterschiedlichen Methoden. Allen gemeinsam ist der tiefenpsychologische Ansatz, den er ergänzt durch systemische und verhaltenstherapeutische Elemente, Entspannungsarbeit, Soziotherapie und andere.

Dabei handelt es sich bei der klinischen Behandlung nicht um eine einfache Addition einzelner Methoden, sondern das Therapiekonzept wird in enger Verzahnung mit den unterschiedlich spezialisierten Therapeuten synergetisch und individuell zusammengefügt. In den jeweiligen Therapien setzen sich Betroffene mit ihren persönlichen Situationen und Konstellationen aus der Vergangenheit auseinander, erkennen und durchleben zum Beispiel in der Familienaufstellung bestimmte Verhaltensmuster, Gefühle und Reaktionen und erarbeiten Lösungen für das Hier und Jetzt. Nach einer klinischen Therapie machen die Betroffenen dann leider durchweg die Erfahrung, dass die Umsetzung des Erlernten zu alten Fehlern führt. Die Änderung besteht darin, dass sie diese jetzt deutlicher erkennen und mit Hilfe des Erlernten verändern können. Doch Betroffene müssen den Mut und Willen aufbringen, der Angst entgegenzutreten und sie zu besiegen. Um möglichen „Zwischen- und Rückfällen” vorzubeugen, rät Hagemann seinen Patienten nach erfolgreichem stationären Klinikaufenthalt für eine Zeitlang zu einer ambulanten Weiterbetreuung.




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