Fünf Mythen und Fakten zu Gelenkschmerzen

Mythos 1: Je größer der Gelenkschaden, desto schlimmer die Schmerzen

Sehr hartnäckig hält sich die falsche Vorstellung, dass die Schmerzintensität mit dem Grad der anatomischen Gelenkschäden zusammenhängt. „Das stimmt allenfalls bei sehr starken Läsionen“, sagt Prof. Perrot. Daten zeigen, dass die Hälfe der Personen mit radiologisch nachweisbaren Gelenkschädigungen schmerzfrei leben, während umgekehrt jeder zweite Patient mit Knieschmerzen ein intaktes Gelenk aufweist. „Die Frage muss also lauten: Gibt es Gelenksveränderungen, die den Schmerz bedingen?“, so Prof. Perrot. Verschiedene Kohortenstudien (MOST, Framingham) weisen beispielsweise nach, dass eine Gelenkspaltverengung eher zu Knieschmerzen führt als Osteophyten, also degenerative, strukturelle Veränderungen des Knochens. Laut MRT-Studien (Torres, Osteoarthritis Cartilage 2006) können intensive Schmerzen maßgeblich mit Synovialitis (Entzündung der Gelenkinnenhaut) oder Verletzungen des Knochenmarks zusammenhängen, nicht aber mit Osteophyten, Knorpelgewebsveränderungen, Knochenzysten, Subluxationen des Meniskus oder Bändereinrissen.

Mythos 2: Gelenksschmerzen sind gleichbedeutend mit Entzündung

Wer hinter Gelenksschmerzen automatisch eine Entzündung vermutet, liegt ebenfalls falsch. „Entzündungen spielen hauptsächlich bei akuten, nicht aber bei chronischen und mechanischen Schmerzen eine Rolle“, präzisiert Prof. Perrot. Pathophysiologisch gesehen ist Gelenkschmerz beides: Eine Entzündung der Gelenkinnenhaut und Knochenschmerz, bedingt durch Gelenksspaltverengung, die den lokalen Druck verstärkt. Laut einer Studie (Laslett, EULAR 2011, London) kann eine Behandlung mit Zoldedronsäure (5 mg i.v.) den Knochenschmerz um 15 Punkte auf der hunderteiligen VAS-Skala reduzieren. Die Knochenmarksverletzungen gehen um 37 Prozent zurück. Bei Schmerzen, die einer Entzündung der Gelenkinnenhaut geschuldet sind, entsteht hilft eine Behandlung mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR). Auch die Behandlung von Knochenmarksödemen kann den Schmerz lindern.

Mythos 3: Gelenksschmerz kommt vom Gelenk

Scheinbar naheliegend, aber dennoch ein Irrtum ist die Annahme, dass Gelenkschmerz vom Gelenk kommen muss. „Gelenkschmerz ist eine komplexe Erfahrung, in die auch soziale Einflüsse, Schmerzverhalten, Gefühle, Gedanken, Schmerzempfinden und Schäden im nozizeptiven Gewebe hineinspielen“, unterstreicht der Experte. Wie sehr Schmerz letztlich zur Kopfsache werden kann, demonstriert er am Beispiel Arthrose: Spontaner Arthrose-Schmerz zeigt sich im Gehirn im medialen präfrontalen Kortex und wirkt sich auf den Gemütszustand aus. Der durch einen Stimulus hervorgerufene Schmerz zeigt sich in den Gehirnregionen, die somatosensorisch nozizeptive Prozesse bearbeiten. Im Zentralnervensystem führt Gelenkschmerz zur Sensibilisierung des Gehirns und dadurch zur lokalen Überempfindlichkeit.

Mythos 4: Gelenkschmerz kommt mit dem Alter

„80 Prozent der Arthrose-Patienten gehören zwar zur Altersklasse 50+, aber das Alter allein entscheidet nicht darüber, ob und wie stark man unter Gelenksschmerzen leidet“, erklärt Prof. Perrot. Für die Schmerzintensität bei Arthrose sind neben dem Alter Übergewicht und lokale Verletzungen bestimmend. Menschen mit dem Genotyp Ile585Val TRPV1 haben eine geringere Schmerzempfindlichkeit im unteren Teil des Körpers und somit ein deutlich verringertes Risiko für schmerzhafter Kniearthrose im Knie. Bei entzündlichen Gelenkserkrankungen kann das Geschlecht über den Schmerzlevel entscheiden: Frauen leiden stärker als Männer darunter. Auch Hormone können an Gelenkschmerzen beteiligt sein: Wird Östrogen blockiert, etwa bei einer Brustkrebsbehandlung, kann es rasch zu entzündlichen Veränderungen in den Hand- und Fußgelenken kommen.

Mythos 5: Gelenkschmerz ist nicht behandelbar

Auch wenn Schmerzfreiheit in manchen Fällen kein realistisches Therapieziel ist: Gelenkschmerzen müssen nicht ohne Hoffnung auf Erleichterung hingenommen werden. Selbst intensiver Schmerz ist nicht gleichbedeutend mit ernsthaften Schädigungen des Gelenks. „Gelenkschmerzen sind jedoch sehr heterogen, daher müssen die Schmerzphänotypen genau analysiert werden, um eine geeignete Behandlung einleiten zu können“, unterstreicht der Experte. In jedem Fall sollte das Schmerzmanagement aus einer Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Zugängen bestehen, empfiehlt Prof. Perrot.

EFIC hat 2016 zum „Europäischen Jahr gegen Gelenkschmerzen“ erklärt. Ziel dieser Informationskampagne ist es, ein Gesundheitsproblem in den Mittelpunkt zu stellen, unter dem weltweit mehr als die Hälfte der Bevölkerung über 50 Jahren zu leiden hat. Vor diesem Hintergrund werden auf dem Symposium in Dubrovnik die zahlreichen aktuellen Entwicklungen zu Verständnis und der Behandlung von durch Gelenkserkrankungen verursachte Schmerzen diskutiert.

Quelle: EFIC 2016 - Topical Symposium on Acute and Chronic Joint Pain: Prof. Serge Perrot




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