Was tun, wenn Borreliose chronisch wird?

Dr. med. Manfred Reinsch gehört zum Ärzteteam des Borreliose Centrums Blankenburg(BCB) und ist Experte für die Behandlung der Chronischen Borreliose. Er gab uns Antwort auf viele Fragen, das Thema Borreliose betreffend.

Seit drei Jahrzehnten wissen wir, dass Zecken beim Menschen schwere Erkrankungen übertragen können - FSME und Borreliose. Was sind die wichtigsten Unterschiede beider Erkrankungen?

_Dr. Reinsch:_FSME wird durch Viren hervorgerufen, Borreliose durch Bakterien. Es handelt sich dabei um das Bakterium Borrelia burgdorferi aus der Gruppe der Spirochäten. Das Risikogebiet für die FSME ist der Süden Deutschlands (Bayern und Baden-Württemberg), aber das Risikogebiet für die Borreliose ist ganz Deutschland sowie andere europäische Staaten, wie zum Beispiel die skandinavischen Länder und die Niederlande.

Gegen FSME gibt es eine wirksame vorbeugende Impfung. Bei Borreliose hilft nur der schnelle Weg zum Arzt. Wie erkennt man, dass das notwendig ist?

Dr. Reinsch: Ja, leider gibt es zurzeit keinen Impfstoff gegen Borreliose. Man kann lediglich prophylaktisch handeln: lange, helle Kleidung tragen und vor allem Körperkontrolle bei möglichem Zeckenkontakt. Auf eine schnelle, schonende Entfernung der Zecke sollte geachtet werden, da sonst die Möglichkeit besteht, dass die Zecke ihren Mageninhalt in die Haut des Menschen erbricht und somit mögliche Krankheitserreger übertragen werden. Wenn sich eine Hautrötung um die Einstichstelle bildet, können wir von einer Borrelieninfektion ausgehen. Dieses so genannte Erythema migrans kommt allerdings nur in ca. 60 Prozent der infizierten Fälle vor.

Was passiert, wenn ich mich infiziert habe und nicht zum Arzt gehe?

Dr. Reinsch: Wenn die Borreliose nicht rechtzeitig behandelt wird, verbleiben Erreger im Organismus (Erregerpersistenz). Das ist die Voraussetzung für chronische Verlaufsformen (Spätmanifestationen). Bei einer chronischen Verlaufsform treten die Krankheitssymptome meist immer wieder auf, verschlechtern sich zum Teil, sie können aber auch erst nach jahrelanger Latenzzeit zum Vorschein kommen. Welche Symptome sind das? Dr. Reinsch: Die Borreliose ist eine multisystemische Infektionserkrankung, es kann jedes Organ befallen werden. Bevorzugt werden schlecht durchblutete Gewebe wie Gelenke, Bindegewebe, Sehnen, Muskeln, aber auch das Nervensystem, Herzmuskel und Gefäßwände. Daher ist die Symptomatik sehr vielfältig. Einige wichtige Symptome sind: plötzliche deutliche Leistungsminderung und chronische Erschöpfung, wandernde, unklare Muskel- und Gelenkschmerzen, unklare psychische Veränderung, unklare Schlafstörungen und Nachtschweiß, unklare Herzrhythmusstörungen. Die Betonung lieg t dabei auf „unklar”, es ist also keine andere Ursache feststellbar. Meist haben die Beschwerden plötzlich begonnen und treten schubartig auf, oftmals lässt sich auch ein bestimmter Auslöser nennen, wie beispielsweise eine Operation, Impfung, schwerer grippaler Infekt, psychischer Stress oder ähnliches.

Welche Möglichkeiten der Behandlung gibt es?

Dr. Reinsch: Zum einen gibt es die antibiotische Therapie nach den Richtlinien und Empfehlungen der International Lyme and Associated Disease Society (ILADS) und der Deutschen Borreliose-Gesellschaft e.V. Die Naturheilkunde ist eine alternative Therapieform und findet ebenfalls Anwendung.

Bedeutungsvoll sind die Begleittherapien, u. a. zur Stärkung des Immunsystems. Aber auch eine Ernährungsumstellung auf eine basisch ausgerichtete Ernährung ist ebenso wichtig wie Physio- und Elektrotherapie und eine Mentalunterstützung.

Was sollte der Hausarzt bei Verdacht auf chronische Borreliose tun?

Dr. Reinsch: Wichtig ist, bei allen unklaren Krankheitsbildern an die Möglichkeit einer Infektion mit Borrelien zu denken, eine entsprechende Krankheitsgeschichte zu erfragen und dann die gegebenen Laboruntersuchungen zu veranlassen.

Was versteht man unter Co-Infektionen?

Dr. Reinsch: Co-Infektionen sind begleitende Infektionen, die ebenfalls durch Zecken (bzw. Insekten) -stiche übertragen werden, wie z.B. Babesien, Bartonellen, Rickettsien, Ehrlichien. Zunehmend werden auch Chlamydien als Begleitinfektion gefunden. Diese werden allerdings nicht durch Zecken oder andere Insekten übertragen. Die Kenntnis über diese so genannten Co-Infektionen ist wichtig für die Behandlungsplanung.




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