Dialyse an Bord

Dr. med. Peter Rittich aus Hamburg organisiert seit vielen Jahren für Dialyse-Patienten Schiffsreisen. Diese werden nicht nur bestens geplant, sondern stets auch von einem Nierenfacharzt nebst zwei kundigen Krankenschwestern begleitet.

Wir wollten uns einmal ansehen, wie so eine Dialyse an Bord abläuft, woher die Patienten stammen und wie normale Passagiere dazu stehen. Aus diesem Grund haben wir die Transocean Line gebeten, uns auf so eine Kreuzfahrt mitzunehmen und uns die Möglichkeit zu geben, mit Ärzten und Patienten zu sprechen.

Nizza , ewig Schöne am Mittelmeer, ist der Abfahrthafen für die MS Astor und schon gleich nach dem Boarding kommt Traumschifffeeling auf. Beim Auslaufen am späten Nachmittag erklingt die allseits bekannte Traumschiff- Melodie, ein Großteil der Passagiere hat sich auf Deck versammelt und winkt der schnell kleiner werdenden Stadt an der Cote Azur ein Farewell zu.

Bereits am nächsten Tag lernen wir an der Rezeption Beat R. kennen. Der gelernte Koch aus Luzern am Vierwaldstättersee ist nicht nur ein erfahrener Kreuzfahrer, sondern auch Dialyse-Patient und ohne Scheu lädt er dazu ein, ihn doch einfach bei seinen zwei bis drei Dialyse-Behandlungen pro Woche zu besuchen. Fast drei Jahre wartet der sympathische und äußerst weltoffene Beat R. nun bereits auf eine Spenderniere, dennoch ist er mit seinem Schicksal nicht unzufrieden. Noch kann er, dank Borddialyse , auf Reisen gehen und auch zu Hause ein, mit Einschränkungen, normales Leben führen. Er ist trotz seiner Krankheit, deren Ursache er in einer verschleppten Hypertonie vermutet, gut gelaunt und freut sich auf die vielen Sehenswürdigkeiten entlang des östlichen Mittelmeers , welche die MS Astor in den kommenden zehn Tagen anlaufen wird. Natürlich kann er nicht alle Ausflüge , insbesondere jene nach erfolgter Dialyse, mitmachen – aber das stört ihn auch nicht sonderlich.

Die MS Astor verfügt, wie vier weitere, von Dr. Rittich angebotene, Kreuzfahrtschiffe, über insgesamt 10 Hospital-Betten , welche durchschnittlich mit sieben Dialyse-Patienten belegt sind. Die lebenserhaltende Blutwäsche erfolgt je, nach ärztlicher Verordnung zwei- bis dreimal pro Woche und dauert für die Patienten rund vier Stunden. Vier Stunden, in welchen man hier, am untersten Deck, nicht nur das Stampfen der Maschinen, sondern auch das Rauschen und Gluckern der Dialyse-Apparaturen vernimmt. Einige der Patienten dösen vor sich hin, andere lesen, lauschen einem Hörbuch oder verfolgen einen Film am TV.

Der mitreisende Nephrologe, Dr. V. („wie der Komiker Karl…“) aus Bielefeld schaut in regelmäßigen Abständen in die, je mit vier Betten belegten Kabinen, kontrolliert zusammen mit den beiden ausschließlich für Dialyse zuständigen Krankenschwestern (auf dieser Fahrt aus Füssen und Osnabrück), die mustergültigen Patienten. Viele von Ihnen kommen auf dieser Reise aus Großbritannien. Manche sind mit ihren Partnern am Schiff, alle alleinreisenden Briten werden von der Organisatorin liebevoll betreut – man merkt es allenthalben am immer wieder durchschlagenden Humor – und auch an der Lebensfreude und dem Genuss, mit welchem alle Dialyse-Patienten diese Reise erleben.

Doch für Dr. V. nebst Schwestern ist die Reise zwar mit viel verantwortungsvoller Arbeit verbunden, sondern auch, sagen wir es ehrlich, mit einer willkommenen Regenerationszeit an Bord des luxuriösen Kreuzfahrt-Schiffes. Urlaub also, welchen sie als gelistete Mitglieder des Ärzte- und Schwesternpools von Dr. Rittich , auf der MS Astor „kostenlos“ genießen dürfen. Diese Ferien müssen aber auch dahingehend verstanden werden, dass „diese Aufgabe“ nicht damit erledigt ist , die Patienten an die Dialyse an- und abzuschließen inklusive notwendiger Überwachung. Nein, bei weitem nicht! Auch die Vor- und Nachsorge, nicht nur der Patienten, sondern auch der Maschinen etc., erfordert viel Zeit. Bei – wie auf dieser Reise – zwölf zu betreuender Patienten bleibt nicht mehr viel Freizeit. Umso mehr genießt das kleine Team das opulente Essensangebot (sechs Mahlzeiten!) in der, selbst abends noch immer warmen herbstlichen Mittelmeersonne und auch den ein oder anderen Ausflug. Dialyse-Patienten erkennt man leicht daran, dass sie „ihren Schwestern und auch dem Onkel Doktor“ , immer wieder fröhlich zuwinken, für ein Schwätzchen stehen bleiben oder sich auch mal als begeisterte Shuffle-Board-Spieler an ihnen als Gegner messen wollen.

Die Kosten für die Dialyse werden in vielen Fällen zu einem erheblichen Prozentsatz von den jeweiligen Krankenkassen übernommen und liegen in etwa gleich, wie auch eine Dialyse zu Hause kostet. Eine Dialyse an Bord findet zwei –bis dreimal wöchentlich in zwei Schichten (Vormittag bzw. Nachmittag) statt. Ein Landgang an Dialysetagen ist nicht möglich, da in den allermeisten Fällen die Patienten danach viel zu geschwächt sind. Selbstverständlich wird Dialyse-Patienten salzreduzierte Kost angeboten und auch immer wieder darauf hingewiesen, dass die Patienten in aller Regel nicht mehr als 1 l Flüssigkeit pro Tag zu sich nehmen dürfen.

Unser Schweizer Dialyse-Kreuzfahrer Beat R. berichtet ganz offen darüber, dass es ihm auf Kreuzfahrten immer besonders gut geht. Er kommt in der Welt herum, wird zudem hervorragend betreut und nach so einer Reise geht es ihm stets besser als vorher. Wohl nur so lässt sich das unwürdige Warten auf eine Spenderniere auch ertragen. Auf die Frage, wie er denn die Probleme mit seinen Nieren überhaupt erkannt hat, meinte er: „Na ja, anfangs war ich nur oft müde und auch häufig abgeschlagen, was aber in meinem Job nicht wirklich auffällig ist…. Dann bekam ich plötzlich Probleme mit der Haut und meine Gesichtsfarbe wurde immer krankhafter “. Beat R. betont mehrfach , wie hoch der psychologische Aspekt so einer Kreuzfahrt-Dialyse ist. Man kann dem Alltag entfliehen , lernt andere Kulturen und auch viele nette Menschen kennen –kurzum – das Leben bleibt trotz Dialyse und dem Bangen Warten auf ein Spenderorgan, lebenswert.

Unsinniges Gesetz: Nur die Angst vorm Tod?

Für die Schweiz gilt, ebenso wie für Deutschland, bei Organ-Transplantationen nicht das Widerspruchsrecht , wie es beispielsweise Österreich oder die Niederlande praktizieren. In diesen Ländern dürfen Verstorbenen bei Feststellung des Todes die Organe entnommen und zur Transplantation freigegeben werden – solange der Patient nicht ausdrücklich einer Organentnahme schriftlich widersprochen hat.

In der Schweiz gibt es seit einiger Zeit die Aktion „Jeder hat Recht“ , welche auf den hohen Bedarf von Organen hinzuweisen versucht. Verständnis bringt man ausdrücklich all jene Personen entgegen, welche aus ethisch-moralischen oder psychischen Gründen eine Spende ablehnen. Doch jeder sollte sich darüber Gedanken machen , wie sinnvoll man mit Organen Verstorbener anderen Menschen helfen kann. Müssen wir alle doch akzeptieren, dass unsere sterblichen Überreste entweder zu Asche oder, falls eine Erdbestattung erfolgt, im Laufe der nächsten Monate von Maden und Würmern in ihre Bestandteile zerlegt werden. Das klingt grausam, entspricht aber der Wahrheit – und diese ist nicht immer erfreulich aber sehr oft lebenserhaltend – für Menschen, die noch am Leben sind und genau um dieses Leben verzweifelt kämpfen.

Aufruf an alle

Die teilweise tragischen Geschichten und oft aussichtslos langen Wartezeiten aller Transplantationspatienten veranlassen die Redaktion nicht länger wegzuschauen , sondern gezielt alle unsere Leser zur Spende aufzurufen. Unter dem Motto: Wir spenden – Sie auch? bitten wir darum, sich einen Organspendeausweis zu besorgen - oder noch besser, gleich über den Link auszudrucken, auszufüllen und diesen auch mit sich zu führen. Denken Sie dabei immer daran: Jeden kann es treffen!

Dialyse am Schiff

Bisher wird die Dialyse auf fünf Kreuzfahrt-Schiffen angeboten. Die Kooperation mit den Reedereien läuft problemlos, die angebotene Schiff-Dialyse entspricht europäischem Standard. Ausdrücklich abgeraten wird zu Dialysen im asiatischen Raum , da hier Angebot und Handhabung selten wirklich gut kontrollierbar sind. Die auf den Kreuzfahrtschiffen installierten Geräte vom Typ Fresenius 4008 B sorgen, neben separater Wasseraufbereitung und Notstromaggregaten für den derzeit bestmöglichen Standard. Nur ganz selten behindert zu starker Seegang die Termine auf den bordeigenen Dialysestationen.

Dialyse-Patienten verbringen rund 14 Tage an Bord und schätzen vor allem den hohen menschlichen Aspekt der notwendigen Blutreinigung , verbunden mit allen Schönheiten eines herrlichen Urlaubs .

Informationen zu unter: www.schiffsdialyse.de




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