Essen wir uns einsam?

„Essen als Spiegel der Gesellschaft” - darüber diskutierten Politik-und Ernährungsexperten auf der ersten Veranstaltung des Nestlé Zukunftsforums (NZF) in Berlin.

Nicht nur was wir essen ist wichtig, sondern auch wie wir essen”, sagte Renate Schmidt, Bundesfamilienministerin a.D. und Vorsitzende des gerade gegründeten NZF-Beirats. Nach einer Nestlé-Studie von 2009 geben 85 Prozent aller Deutschen an, sich schlechter zu ernähren, als sie es eigentlich möchten. Ein weiteres Ergebnis ist, dass 57 Prozent der älteren Alleinstehenden ihre Mahlzeiten allein einnehmen, von den jüngeren immerhin noch 20 Prozent. In den sozial schwachen Schichten nehmen die Prozentzahlen noch einmal dramatisch zu.

Insgesamt 33 Prozent aller jungen Familien setzen sich zum Essen nicht mehr gemeinsam an den Tisch. Viele Kinder haben noch nie gemeinsam in der Familie ein warmes Essen bekommen oder erlebt, dass eine Mahlzeit zubereitet wird, noch nicht mal die von Kindern so heiß geliebten Spaghetti mit Tomatensoße. „Diese Kinder wissen nicht einmal, wie man Nudeln aus einem harten in einen weichen Zustand versetzt”, klagte Renate Schmidt. Noch nie habe es in Deutschland so viele Kochshows gegeben und gleichzeitig eine so geringe Kompetenz des Selber-Kochen-Könnens. „Wir müssen Essen zukünftig in seiner Gesamtheit erfassen. Nicht nur als Nahrungsaufnahme, sondern als soziales Element und als Impulsgeber für unsere Gesellschaft”, findet Johann Lafer , Spitzenkoch und NZF-Beirat.

Während der Diskussion wurde auch deutlich, dass heute viele junge Frauen gar nicht in der Lage sind, einfachste Gerichte für ihre Kinder zuzubereiten. Auch Schulbrote sind offensichtlich nicht mehr selbstverständlich, der Job drängt, keine Zeit mehr welche zu machen. Kinder wissen oft nicht, wo Lebensmittel herkommen, wie eine Paprika aussieht, dass ein Hähnchenschlegel von einem lebenden Tier stammt oder Pfannkuchen nicht aus der Mikrowelle kommen.

Findet kein gemeinsames Essen zubereiten und Tischgespräch mit Freunden und Familie mehr statt, weiß keiner mehr vom anderen, was ihn bewegt, worüber er sich geärgert oder gefreut hat. Das führt natürlich zu Sprachlosigkeit und Vereinsamung, vertieft am Ende soziale Kluften. „Wir müssen dafür Sorge tragen, dass Essen seine Funktion als sozialer Kitt wiedererlangt. Das Nestlé Zukunftsforum sehen wir als Initiative, um Ernährung in einer sich stark verändernder Gesellschaft wieder mehr Wertschätzung zu geben”, erklärte Gerhard Berssenbrügge, Vorstandsvorsitzender der Nestlé Deutschland AG.

Eine neue soziale Esskultur könne man beispielsweise in Kindergärten, Schulen, Betriebskantinen und Pflegeheimen einführen. Laut Franz-Josef Möllenberg, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), essen täglich rund 10 Mio. Deutsche in Betriebskantinen. Unternehmen sollten endlich erkennen, dass Betriebskantinen mehr seien als Orte reiner Verpflegung, vielmehr könnten sie die Teambildung fördern.

Ulrike Höfken, MdB und Stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, betonte die Bedeutung der Schulmensa als Ort für Ernährungsbildung und sozialen Zusammenhalt. “Fangen wir bei den Kindern mit einer neuen Esskultur und guter Infrastruktur für die Kindergarten- und Schulernährung an.”

Vier konkrete Forderungen stellt das NZF-Forum deshalb an Wirtschaft, Politik und Medien, um den Stellenwert von Ernährung wieder erhöhen, um eine neue, soziale Kultur der Ernährung zu entwickeln:

  1. Orte schaffen, die “Social Food” fördern: Orte, an denen auch außerhalb von Familien gemeinsam gegessen, aber auch gekocht wird. Adressiert werden Medien, Unternehmen, Gastronomen und Caterer, aber auch Wohnungsbaugesellschaften, das Bundesfamilienministerium, die Sozialminister der Länder, Wohlfahrtsverbände und Krankenkassen.
  2. Work-Life-Food-Balance verbessern: Entwicklung von haushaltsnahen Dienstleistungen und Produkten, die dazu beitragen, mehr Zeit für gemeinsames Essen und Kochen zu gewinnen. Adressaten dieser Forderung sind Lebensmittelhersteller, Handelsunternehmen, Gewerkschaften, Betriebsräte, Wohlfahrtsorganisationen und NGO´s.
  3. Informationskampagnen und öffentlichkeitswirksame Maßnahmen heben die Bedeutung und Wertschätzung von Ernährung als sozialen Kitt hervor. Aufgefordert sind hier das Bundesbildungsministerium, Sterneköche und Prominente als Botschafter, Medien, Lebensmittelunternehmen, die Bildungsminister der Länder, Bundesverbraucherministerium, Forschungs- und Bildungsministerium, Arbeitgeber, Gewerkschaften sowie Lehrer und Schulen
  4. Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung müssen zu Orten werden, an denen man nicht nur satt wird, sondern sich auch gerne mit anderen aufhält. Adressiert werden hier Medien, Prominente und Multiplikatoren, Caterer, Köche, Arbeitgeber und Gewerkschaften, Bildungsminister und Sozialminister der Länder, Wohlfahrtsorganisationen, Krankenkassen, Unternehmen.



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