Aufgespießt und zugenäht: Ungesunde Gedanken

„Mister Karl” - ein Narziss?

Das Bayerische Fernsehen, nicht gerade ein Ausbund an „nah der Realität-Sendungen”, widmete Karlheinz Böhm eine ganze Nacht. Startete mit „Schloss Hubertus“, an Kitsch und Biederkeit dicht an den viel früher entstandenen Sissi-Filmen angelehnt, und reihte Karlheinz Böhm damit erneut in das seichte Fahrwasser der „Nachkriegs-Heimatfilm-Stars“. Wohl dem, der nach der tragischen Adels-Jagd-Schmonzette sich nicht wegzappte, um möglicherweise im Elend des FC Bayern zu landen, sondern standhaft auf der BR-Nacht rund um Karlheinz Böhm blieb. Es folgte die Dokumentation „Mister Karl“. Wer diese eineinhalb Stunden durchhielt, wusste sehr viel mehr, über das Leben eines Mannes, der eigentlich noch immer selbstverliebt in der Rolle des jungen Kaisers lebt, die er einst so grandios verkörperte. Wie sehr die drei Sissi-Filme den Schauspieler geprägt haben, erlebt man hautnah am Beginn der Dokumentation beim Telefon-Mitschnitt eines Interviews einer chinesischen Moderatorin, die er fast gar nicht zu Wort kommen lässt. Doch noch viel prägender sind jene Szenen im fernen Äthiopien, in denen „Mister Karl“ seine riesige Fan-Schar als österreichischer Kaiser beglückt, um nach Filmende dann generös die Hand zum kaiserlichen Salut zu erheben. Das alles tief in Afrika, präsentiert auf liebevoll gebastelter Leintuchleinwand inklusive Holzverstrebungen.

Niemand will hier Böhms überwältigende Leistungen bei „Menschen für Menschen“ in Frage stellen: Chapeau “Mister Karl”, dafür gebühren Ihnen sämtliche Preise dieser Welt. Aber es bleibt der gnadenlose Blick auf viele unbekannte Facetten eines Getriebenen, eines letztlich in sich selbst verliebten Menschen. Sich wohl nie der Liebe des Über-Vaters sicher, wollte er doch immer ihm, dem weltberühmten Dirigenten, zeigen, wie nah an dessen Ruhm auch er anzuschließen vermag. Drei Frauen und fünf Kinder, von denen zumindest die gezeigten Töchter, noch heute an der fehlenden Liebe des „Promi-Papas“ knabbern, dennoch den Weg zu dessen Seele kaum noch finden dürften. Erst der letzten, aus dem Land, welches seine Berufung wurde, stammenden Frau Almaz und ihren gemeinsamen beiden Kindern könnte dies gelungen sein.

Wie viel mehr hätte man Böhms schauspielerische Leistungen mit dem Filmen „Martha“ oder „Faustrecht der Freiheit“, beide vom genialen Rainer Werner Fassbinder, würdigen können? Statt dessen durfte er auch in dieser, ihm gewidmeten Nacht, wieder nur das sein, worin noch heute sein schauspielerischer Ruhm sich für die allermeisten seiner Bewunderer begründet: Ein würdevoll grüßender kaiserlicher Liebhaber.(lynloe)




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