Die Plazenta versorgt das ungeborene Kind, schützt es und produziert lebenswichtige Hormone. Somit ist die Plazenta als ein Organ zu betrachten, das weit mehr als nur eine vorübergehende Funktion erfüllt. Auch nach der Geburt wird sie in der Forschung berücksichtigt, insbesondere aufgrund ihrer Stammzellen. Es soll nun eruiert werden, welche medizinischen Möglichkeiten bereits evident sind und welche noch in der Zukunft liegen. Auch die Frage, inwiefern eine Verbindung und ein Schutz während der Schwangerschaft gewährleistet werden können, muss abgeklärt werden.
Die Plazenta entsteht während der Schwangerschaft aus embryonalem Gewebe und mütterlichen Anteilen der Gebärmutterschleimhaut. Sie übernimmt zentrale Aufgaben für die Entwicklung des Kindes: Über sie werden Sauerstoff und Nährstoffe transportiert, Stoffwechselprodukte abgegeben und mütterliche Antikörper übertragen. Gleichzeitig bildet sie eine selektive Barriere, die jedoch nicht sämtliche Krankheitserreger und Schadstoffe zurückhalten kann.
Mit der Geburt endet die Funktion der Plazenta als Versorgungsorgan. Was anschließend mit ihr geschieht, ist kulturell unterschiedlich geprägt. Dr. med. Sophia Jonsohn widmete sich unter anderem der sogenannten Plazentophagie, also dem Verzehr der Plazenta nach der Geburt. Befürworter verbinden damit Hoffnungen auf eine bessere Milchbildung, stabilere Stimmung und eine schnellere Erholung im Wochenbett.
Wissenschaftlich sind diese Erwartungen bislang nicht überzeugend belegt. Zwar enthält die Plazenta verschiedene Hormone, darunter Progesteron, Östrogene und humanes Plazentalaktogen. Ihre Konzentrationen verändern sich jedoch abhängig von Verarbeitung und Lagerung. Zudem ist nicht ausreichend geklärt, in welchem Umfang die enthaltenen Substanzen nach dem Verzehr überhaupt wirksam aufgenommen werden.
Randomisierte klinische Studien, die einen gesundheitlichen Nutzen der Plazentophagie zuverlässig nachweisen, fehlen bislang. Auch mögliche Risiken durch unsachgemäße Verarbeitung oder Verunreinigungen müssen berücksichtigt werden. Aus medizinischer Sicht lässt sich der Verzehr daher derzeit nicht als nachgewiesene Methode zur Förderung der Milchbildung oder zur Vorbeugung postpartaler Stimmungserkrankungen empfehlen.
Für Jonsohn steht deshalb eine sachliche Aufklärung im Vordergrund. Eltern sollten über die unterschiedlichen Möglichkeiten informiert werden, mit der Plazenta nach der Geburt umzugehen – einschließlich der wissenschaftlichen Grenzen und möglicher Risiken.
Ein anderes Forschungsfeld eröffnet sich durch die Zellen, die in der Plazenta enthalten sind. Dr. rer. nat. Marion Bartel. erläuterte, weshalb insbesondere mesenchymale Stromazellen (MSC) für die Medizin interessant sind. Diese Zellen lassen sich unter geeigneten Bedingungen vermehren und können verschiedene Zelltypen unterstützen. Zudem setzen sie Botenstoffe frei, die Entzündungsreaktionen und Reparaturprozesse beeinflussen können.
MSC werden deshalb für mögliche Anwendungen in der regenerativen Medizin und bei immunologischen Erkrankungen untersucht. Ihre Wirkung beruht dabei nicht allein darauf, dass sie sich selbst in andere Gewebearten verwandeln. Vielmehr spielen auch ihre regulierenden und signalgebenden Eigenschaften eine wichtige Rolle.
Plazenta und Nabelschnur zählen zu den sogenannten perinatalen Geweben. Ihre Zellen können nach der Geburt gewonnen werden und sind im Vergleich zu Zellen älterer Menschen noch relativ wenig altersbedingten Veränderungen ausgesetzt. Das macht sie zu einer interessanten Forschungsquelle. Dennoch gilt: Vielversprechende biologische Eigenschaften bedeuten nicht automatisch, dass eine Therapie bereits sicher und wirksam ist.
Ein Beispiel für die klinische Forschung ist der Einsatz plazentärer MSC bei Spina bifida mit Myelomeningozele. Bei dieser angeborenen Fehlbildung sind Rückenmark und umgebende Strukturen nicht vollständig geschlossen. In einer frühen US-amerikanischen Studie wurden aus Spendergewebe gewonnene Zellen auf eine Trägermatrix aufgebracht und während einer Operation im Mutterleib auf die betroffene Stelle appliziert.
Erste Ergebnisse lieferten Hinweise auf die Durchführbarkeit und Sicherheit des Verfahrens. Bei den behandelten Kindern wurden unter anderem intakte Operationsstellen ohne erkennbare Hinweise auf einen Liquoraustritt oder eine Infektion beschrieben. Die Ergebnisse sind jedoch aufgrund der frühen Studienphase und der begrenzten Teilnehmerzahl vorsichtig zu bewerten. Sie belegen noch keine allgemeine Wirksamkeit der Methode.
Auch bei Erwachsenen werden plazentäre MSC untersucht, beispielsweise in frühen klinischen Studien nach einem ischämischen Schlaganfall. Dabei geht es darum, Sicherheit und mögliche Auswirkungen auf die funktionelle Erholung zu beurteilen. Ob die Zelltherapie die Behandlungsergebnisse tatsächlich verbessert, müssen größere und methodisch aussagekräftige Studien erst zeigen.
Neben der Plazenta bietet auch das Nabelschnurgewebe eine Quelle für mesenchymale Stromazellen. Ihre möglichen Einsatzgebiete werden unter anderem bei Knorpelschäden und schweren Entzündungsreaktionen untersucht.
Eine deutsche multizentrische Studie beschäftigt sich mit der Anwendung von Nabelschnur-MSC bei Knorpelschäden des Kniegelenks. Weitere Forschungsarbeiten untersuchen den Einsatz solcher Zellen bei septischem Schock, einer lebensbedrohlichen Reaktion des Körpers auf eine Infektion. In diesen Studien stehen zunächst die Sicherheit, die Verträglichkeit und erste Hinweise auf einen möglichen therapeutischen Nutzen im Vordergrund.
Die Forschung zu Plazenta- und Nabelschnurstammzellen entwickelt sich dynamisch. Welche Zellquelle für eine bestimmte Erkrankung am besten geeignet ist, hängt jedoch von zahlreichen Faktoren ab, darunter den Eigenschaften der Zellen, dem Herstellungsverfahren und dem jeweiligen Krankheitsbild.
Vita 34 bietet neben der Einlagerung von Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe inzwischen auch die private Einlagerung von Plazentagewebe an. Bei der Kryokonservierung wird das Gewebe unter kontrollierten Bedingungen bei sehr niedrigen Temperaturen gelagert, um die enthaltenen Zellen für einen möglichen späteren Einsatz zu erhalten.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich: Die erfolgreiche Lagerung von Gewebe und die Erhaltung lebensfähiger Zellen garantieren nicht, dass diese später für eine bestimmte Behandlung geeignet sind. Ob eingelagerte Zellen künftig therapeutisch verwendet werden können, hängt unter anderem von der jeweiligen Erkrankung, der Qualität und Aufbereitung des Materials sowie den dann geltenden medizinischen und regulatorischen Anforderungen ab.
Auch ist eine private Einlagerung nicht gleichbedeutend mit einem gesicherten medizinischen Nutzen für das eigene Kind oder andere Familienmitglieder. Viele Anwendungen plazentärer Stammzellen befinden sich noch in der klinischen Forschung. Eltern sollten daher vor einer Entscheidung Nutzenversprechen, Kosten, Lagerbedingungen und die realistischen Einsatzmöglichkeiten sorgfältig prüfen.
Die Plazenta verdient Aufmerksamkeit: Während der Schwangerschaft erfüllt sie lebenswichtige Aufgaben, und ihre Zellen eröffnen interessante Perspektiven für die regenerative Medizin. Erste klinische Studien zeigen, dass plazentäre Stammzellen bei bestimmten Erkrankungen weiter untersucht werden können. Für viele mögliche Anwendungen fehlen jedoch noch belastbare Wirksamkeitsnachweise.
Die Einlagerung von Plazentagewebe kann deshalb als Vorsorgeentscheidung betrachtet werden, nicht als Garantie für eine spätere Behandlung. Entscheidend bleibt, Forschungsergebnisse kritisch einzuordnen und zwischen medizinischem Potenzial und bereits nachgewiesenem Nutzen zu unterscheiden.