Dark Tourism bezeichnet eine Reiseform, die Orte von Vergänglichkeit oder historischem Umbruch in den Mittelpunkt stellt. Oft überschneidet sie sich mit sogenannten Lost Places – verlassenen Schauplätzen früheren Lebens, die intensiver wirken als klassische Sehenswürdigkeiten. Dark Tourism eröffnet Reisenden Einblicke in Orte, an denen Geschichte, Erinnerung und Spiritualität spürbar werden. Ob Geisterinseln, verlassene Industrieanlagen, historische Gefängnisse oder kulturelle Rituale – diese Reiseziele erzählen von menschlichen Schicksalen, gesellschaftlichen Umbrüchen und der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits.
Hiroshima gilt als einer der weltweit bekanntesten Orte des Dark Tourism und steht sinnbildlich für Zerstörung, Leid und Wiederaufbau – mit weithin bekannten Gedenkstätten, die das kollektive Gedächtnis prägen. Jenseits dieser vertrauten Erinnerungsorte eröffnet die Setouchi-Region jedoch weitere, weniger bekannte Perspektiven auf Japans Vergangenheit: Erhaltene, vom Atombombenabwurf gezeichnete Gebäude, der beschädigte Sanno-jinja-Schrein mit seinem halb erhaltenen Torii oder die wiederaufgebaute Burg Hiroshima verknüpfen historische Tiefe mit dem Thema Überleben.
Nur wenige Stunden entfernt liegt Okunoshima, einst geheimes Zentrum der Giftgasproduktion im Zweiten Weltkrieg. Heute treffen dort überwucherte Militärrelikte und ein Museum zur dunklen Geschichte der Insel auf eine fast idyllische Landschaft, in der freilebende Kaninchen leben. Gerade dieser stille Kontrast zwischen Natur, Vergessen und schwerer Vergangenheit verleiht der Setouchi-Region eine besondere, nachwirkende Dimension des Dark Tourism.
Vor der Küste Angolas liegt Ilha dos Tigres, eine Geisterinsel in der Namib-Wüste. Ihren Namen verdankt die Insel nicht echten Tigern – die gibt es hier nicht –, sondern den Streifen im gelben Sand, die durch Schatten oder dunklere Erdpartien entstehen. Einst war São Martinho dos Tigres eine blühende Fischersiedlung. Ursprünglich mit dem Festland verbunden, wurde der Ort später durch Erosion abgeschnitten, was die Einwohner zwang, den Ort zu verlassen.
Heute sind die Häuser teilweise vom Sand bedeckt, die Kirche steht still zwischen leeren Straßen, und verrostete Gebäude zeugen von einer längst verlassenen Gemeinschaft. Der Besuch ist ein Abenteuer: Reisende starten in Moçâmedes, fahren bei Niedrigwasser entlang der Küste in 4x4-Fahrzeugen und nehmen anschließend ein Boot auf die Insel. Ohne Infrastruktur, aber mit Touranbieter-Support, erleben Besucher die surreale, unberührte Landschaft, in der Vergangenheit, Erinnerung und Natur aufeinandertreffen – ein einzigartiges Dark-Tourism-Erlebnis von Isolation und Vergänglichkeit.
In Taiwan gilt die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits als durchlässig – besonders während des Ghost Month, wenn rastlose Seelen durch Rituale besänftigt, geehrt oder auf Abstand gehalten werden. 2026 fällt er auf den Zeitraum vom 12. August bis 9. September, mit dem spirituellen Höhepunkt des Zhongyuan-Festes am 26. August.
In Keelung wird diese Tradition besonders lebendig: Bei der Dipper Lantern Parade tragen Gläubige kunstvoll verzierte Holzlaternen und Paradewagen zum Qing’an-Tempel, wo ein Altar zu Ehren der Meeresgöttin Mazu steht. Am Zhupu-Altar werden Opfergaben dargebracht, bevor Hunderte Wasserlaternen im Badouzi-Fischerhafen ins Meer gleiten – stille Botschaften zurück ins Jenseits.
Auch bedeutende Tempelanlagen wie der Lukang Longshan Tempel oder der Beigang Chaotian Tempel zeigen die spirituelle Intensität dieser Wochen: Innenhöfe füllen sich mit Weihrauch, Trommeln und Gebeten, während Gläubige Geistergeld verbrennen und Speisen opfern. Taiwan offenbart damit eine Facette des Dark Tourism, die von Spiritualität, kulturellen Ereignissen und gelebtem Respekt vor dem Unsichtbaren getragen wird.
Ungarn bietet Dark Tourism fernab bekannter Routen: nebelverhangene Burgruinen wie Füzér oder die Festung Boldogkőváralja, abgelegene Ruinen wie Benevár, extreme Naturlandschaften wie die Rám-szakadék-Schlucht oder Basaltsäulen in Sáska erzeugen eine archaische Atmosphäre. Unterirdische Welten wie die Rákóczi-Höhle vertiefen das Erlebnis.
Besonders eindrücklich sind jene Orte, an denen sich idyllische Landschaften mit schwerer Geschichte überlagern. Am Öreg-tó in Tata, heute ein ruhiger See, befand sich eines der größten Kriegsgefangenenlager Europas während der Weltkriege.
Ein weiteres Kapitel des ungarischen Dark Tourism bilden die Relikte des 19. und 20. Jahrhunderts: monumentale Industrie- und Militäranlagen wie das verlassene Kraftwerk Inota, das ehemalige Gaswerk in Óbuda oder die sowjetischen Militärstandorte von Szentkirályszabadja. Riesige Hallen, leere Kasernen und verfallene Infrastruktur erzeugen eine fast dystopische Ästhetik, die vom rasanten Wandel politischer Systeme und gesellschaftlicher Utopien erzählt.
Ob in Europa, Asien oder Afrika, diese Orte zeigen, dass Dark Tourism weit mehr ist als morbide Neugier. Es geht um das Erleben von Geschichte, das Bewusstsein für Vergänglichkeit und die Begegnung mit Räumen, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Natur auf eindrucksvolle Weise zusammenwirken. Für Reisende eröffnen sich intensive, nachwirkende Erfahrungen, die weit über das Offensichtliche hinausgehen.