Bauchkrämpfe, immer wieder Durchfall und eine Müdigkeit, gegen die selbst ausreichend Schlaf kaum hilft. Was zunächst nach einem hartnäckigen Magen-Darm-Infekt aussieht, kann eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung sein. Morbus Crohn und Colitis ulcerosa heißen die beiden bekanntesten Vertreter. Sie begleiten Betroffene oft ein Leben lang – lassen sich heute aber deutlich besser behandeln als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Unser Darm ist ein erstaunliches Organ. Er verarbeitet nicht nur die Nahrung, sondern beherbergt auch Milliarden von Mikroorganismen und steht in ständigem Austausch mit dem Immunsystem. Gerät dieses fein abgestimmte Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht, kann es zu Entzündungen kommen, die nicht mehr von allein abklingen.
Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, kurz CED, richtet sich die Immunreaktion gegen Vorgänge im eigenen Darm. Warum das geschieht, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Sicher ist, dass erbliche Veranlagung, Umweltfaktoren, Darmbakterien und eine fehlgeleitete Immunreaktion zusammenwirken.
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa werden häufig in einem Atemzug genannt. Dabei unterscheiden sie sich in wichtigen Punkten.
Morbus Crohn kann den gesamten Verdauungstrakt betreffen, vom Mund bis zum After. Besonders häufig entzündet sich der Übergang vom Dünn- zum Dickdarm. Die erkrankten Abschnitte wechseln sich oft mit gesundem Darmgewebe ab. Weil die Entzündung alle Schichten der Darmwand erfassen kann, drohen unter anderem Engstellen, Fisteln und Abszesse.
Colitis ulcerosa bleibt dagegen auf den Dickdarm beschränkt. Die Entzündung beginnt typischerweise im Enddarm und breitet sich von dort zusammenhängend weiter aus. Betroffen ist vor allem die Darmschleimhaut. Blutige Durchfälle und quälender Stuhldrang gehören zu den besonders belastenden Beschwerden.
Beide Erkrankungen sind nicht ansteckend. Sie können in jedem Alter auftreten, beginnen aber häufig bereits im jungen Erwachsenenalter.
Wer mehrmals täglich plötzlich zur Toilette muss, plant seinen Alltag irgendwann nach deren Erreichbarkeit. Eine längere Autofahrt, ein Kinobesuch oder selbst der Weg zur Arbeit können zur Belastung werden.
Typisch für CED sind wiederkehrende Durchfälle, krampfartige Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit und Erschöpfung. Bei Colitis ulcerosa kommt häufig Blut im Stuhl hinzu. Morbus Crohn kann sich zusätzlich durch Gewichtsverlust, Übelkeit oder Beschwerden im Bereich des Afters bemerkbar machen.
Nicht jeder Betroffene hat sämtliche Symptome. Manche erleben lange beschwerdefreie Zeiten, andere kämpfen mit häufigen Schüben oder einer anhaltenden Entzündung.
Und nicht immer bleibt die Krankheit auf den Darm beschränkt. Gelenkschmerzen, Entzündungen der Augen oder Hautveränderungen können hinzukommen. Gerade solche Beschwerden erschweren mitunter die Diagnose, weil zunächst niemand an eine Darmerkrankung denkt.
Bauchschmerzen und Durchfall können viele Ursachen haben. Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Infektionen oder ein Reizdarmsyndrom kommen ebenso infrage wie eine chronische Entzündung.
Ein erster Hinweis kann der Calprotectin-Wert im Stuhl sein. Dieses Eiweiß stammt aus bestimmten Abwehrzellen und ist bei entzündlichen Vorgängen im Darm häufig erhöht. Es hilft, organische Entzündungen von funktionellen Darmbeschwerden zu unterscheiden, beweist für sich allein aber noch keine CED.
Hinzu kommen Blutuntersuchungen, etwa auf Entzündungszeichen, Blutarmut oder Nährstoffmängel.
Entscheidend ist meist eine Darmspiegelung, bei der kleine Gewebeproben entnommen werden. Bei Verdacht auf Morbus Crohn können zusätzlich Ultraschall oder spezielle MRT-Untersuchungen notwendig sein, um auch den Dünndarm und tiefere Veränderungen der Darmwand beurteilen zu können.
So unangenehm der Gedanke an eine Darmspiegelung sein mag: Sie liefert wichtige Informationen darüber, welche Erkrankung vorliegt und wie weit die Entzündung fortgeschritten ist.
Eine CED-Diagnose war früher häufig mit großen Einschränkungen verbunden. Mittlerweile stehen deutlich mehr Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Bei leichter Colitis ulcerosa wird häufig Mesalazin eingesetzt, je nach betroffenem Darmabschnitt als Zäpfchen, Einlauf oder Tablette. Bei stärkeren Entzündungen können vorübergehend Kortisonpräparate notwendig werden.
Kortison wirkt rasch gegen Entzündungen, ist wegen möglicher Nebenwirkungen jedoch keine geeignete Dauerlösung.
Für mittelschwere bis schwere Krankheitsverläufe stehen heute gezielt wirkende Medikamente zur Verfügung. Dazu zählen Biologika, die bestimmte entzündungsfördernde Botenstoffe oder Immunvorgänge hemmen, sowie weitere moderne Wirkstoffe, beispielsweise JAK-Hemmer.
Auch bei Morbus Crohn richtet sich die Behandlung nach Ort, Ausdehnung und Schwere der Entzündung. Nicht jedes Medikament eignet sich gleichermaßen für beide Erkrankungen. Die aktuellen Behandlungsleitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie beschreiben die verschiedenen Therapiemöglichkeiten.
Ziel ist längst nicht mehr allein, Bauchschmerzen und Durchfälle zu lindern. Die Entzündung soll möglichst vollständig zur Ruhe kommen, damit sich die Darmschleimhaut erholen kann und bleibende Schäden vermieden werden. Wie wichtig die regelmäßige Kontrolle der Entzündungsaktivität ist, zeigt die internationale CALM-Studie zu Morbus Crohn.
Operationen lassen sich dennoch nicht immer verhindern. Bei Morbus Crohn können beispielsweise ausgeprägte Engstellen oder Fisteln einen Eingriff erforderlich machen. Bei Colitis ulcerosa kann die Entfernung des Dickdarms in schweren Fällen notwendig werden und die Darmentzündung dauerhaft beseitigen, ist allerdings mit erheblichen Folgen verbunden.
In unserem Darm herrscht reges Leben. Unzählige Bakterien, Pilze und andere Mikroorganismen bilden das sogenannte Mikrobiom. Viele von ihnen unterstützen die Verdauung, produzieren Stoffwechselprodukte und beeinflussen das Immunsystem.
Bei Menschen mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa ist die Zusammensetzung dieser mikrobiellen Gemeinschaft häufig verändert. Bestimmte Bakterien kommen seltener vor, andere vermehren sich stärker. Oft ist auch die Vielfalt der Darmflora vermindert.
Doch was ist Ursache und was Folge der Entzündung? Genau diese Frage beschäftigt die Forschung. Bislang ist nicht abschließend geklärt, welche Veränderungen das Krankheitsgeschehen auslösen und welche erst durch die Entzündung entstehen.
Die Vorstellung, das gestörte Mikrobiom einfach mit ein paar probiotischen Kapseln wieder ins Gleichgewicht zu bringen, klingt verlockend. So unkompliziert ist es leider nicht.
Einige spezielle Probiotika werden bei bestimmten Formen der Colitis ulcerosa oder nach operativen Eingriffen untersucht und eingesetzt. Für Morbus Crohn fehlt dagegen ein überzeugender allgemeiner Wirksamkeitsnachweis. Probiotika sind deshalb kein Ersatz für entzündungshemmende Medikamente.
Auch die Übertragung von Darmbakterien gesunder Spender, die sogenannte Stuhltransplantation, wird erforscht. Bei CED gehört sie außerhalb entsprechender Studien bislang nicht zur routinemäßigen Standardbehandlung. Das bestätigt auch die Leitlinie der American Gastroenterological Association von 2024.
Eine allgemeingültige CED-Diät gibt es nicht. Was der eine problemlos verträgt, verursacht beim anderen Bauchschmerzen oder Durchfall.
Während einer akuten Entzündungsphase können grobe Ballaststoffe, sehr fettreiche Speisen oder bestimmte Lebensmittel Beschwerden verstärken. In ruhigeren Phasen ist dagegen eine möglichst abwechslungsreiche Ernährung wichtig, um Mangelerscheinungen vorzubeugen.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Eisen, Vitamin B12, Vitamin D und andere Nährstoffe, deren Aufnahme bei ausgeprägten Entzündungen oder nach Darmoperationen beeinträchtigt sein kann.
Ein Ernährungstagebuch hilft manchen Betroffenen, persönliche Unverträglichkeiten zu erkennen. Radikale Verbote und unnötige Diäten sind dagegen wenig sinnvoll. Wer viele Lebensmittel meidet, riskiert zusätzliche Mängel.
Bei Gewichtsverlust, häufigen Schüben oder einem eingeschränkten Speiseplan kann eine qualifizierte Ernährungstherapie helfen. Auch die Frage, ob Nahrungsergänzungsmittel bei Colitis ulcerosa sinnvoll sein können, beschäftigt viele Betroffene.
Eine chronische Darmentzündung betrifft nicht nur die Verdauung. Sie kann Beruf, Partnerschaft, Freizeit und seelisches Wohlbefinden erheblich beeinflussen.
Die gute Nachricht: Viele Betroffene führen mit einer passenden Behandlung ein weitgehend normales Leben. Entscheidend sind regelmäßige ärztliche Kontrollen, eine wirksame Therapie und der rechtzeitige Umgang mit neuen Beschwerden.
Bei länger bestehender und ausgedehnter Colitis ulcerosa sowie bestimmten Formen des Morbus Crohn mit Dickdarmbefall steigt zudem das Darmkrebsrisiko. Deshalb gehören je nach Erkrankungsdauer und individuellem Risiko regelmäßige Kontrollspiegelungen zur Nachsorge.
Wichtig ist auch, die verordnete Behandlung in beschwerdefreien Zeiten nicht eigenmächtig abzusetzen. Gerade dann soll sie häufig verhindern, dass die Entzündung erneut aufflammt.
Eine Heilung durch Medikamente ist bislang nicht möglich. Doch moderne Therapien können die Krankheit oft über lange Zeit in Schach halten. Und manchmal bedeutet das für Betroffene vor allem eines: wieder aus dem Haus gehen zu können, ohne ständig nach der nächsten Toilette Ausschau halten zu müssen.