30.000 internationale Kardiologen und Fachleute diskutierten am diesmal in München abgehaltenen ESC-Congress 2026 über den grundlegenden Wandel der Kardiologie. Die Prävention beginnt früher, Diagnostik wird individueller, KI dient als praktisches Werkzeug, Katheterverfahren ersetzen zunehmend große Eingriffe und die Behandlung endet nicht im Krankenhaus.
Nach wie vor zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Entsprechend groß ist die Bedeutung des ESC Congress, auf dem zahlreiche neue Studien, wegweisende Hot-Line-Trials sowie neue Leitlinien vorgestellt wurden. Hervorzuheben sind dabei die neu gewonnenen Ergebnisse zu Cholesterin, Bluthochdruck, Herzschwäche, Vorhofflimmern, Herzinfarkt und Herzklappenerkrankungen. Und natürlich spielt auch in der Kardiologie die künstliche Intelligenz eine immer zentralere Rolle.
Diese besonders viel beachtete Studie liefert neue Daten zum Thema Statine in Verbindung mit der Frage, ob ältere Menschen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder Demenz von einem Statin profitieren. Zwar konnte Atorvastatin über sechs Jahre gegeben das relative Risiko schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse um 30 Prozent senken, doch einen signifikanten Vorteil beim Überleben ohne Einschränkungen zeigte die Behandlung allerdings nicht.
Bei der fachlich als nicht-obstruktiven hypertrophen Kardiomyopathie bezeichneten Erkrankung gibt es zwar bislang keine, gezielt an der Ursache ansetzende, zugelassene Therapie, doch Aficamten verbesserte in der ACACIA-HCM-Studie sowohl die Symptomlast als auch die körperliche Belastbarkeit.
Für Betroffene mit dieser erblich bedingten Herzmuskelerkrankung könnte daher erstmals eine gezielte medikamentöse Behandlungsoption näher rücken.
Die funktionelle Koronarangiografie erwies sich als vorteilhaft gegenüber der herkömmlichen Beurteilung bei einem schweren Herzinfarkt mit mehreren verengten Herzkranzgefäßen. Schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse konnten, laut Studienbericht, um 38 Prozent, Komplikationen um 37 Prozent reduziert werden.
Künftig könnte noch genauer entschieden werden, welche zusätzlichen Gefäßverengungen tatsächlich bei betroffenen Patienten behandelt werden müssen.
In dieser großen Studie untersuchte man, bei Verdacht auf Herzinfarkt, einen beschleunigten diagnostischen Weg. Ein nur einstündiges Bluttestverfahren erwies sich als ebenso sicher wie die bisherige dreistündige Vorgehensweise. Allerdings verkürzte es den Aufenthalt in der Notaufnahme nicht.
In der dänischen EMAIL-HF-Studie untersuchte man eine digitale Strategie, bei der Herzinsuffizienz-Patienten per E-Mail Informationen und das Angebot einer telefonischen Beratung erhielten. Durch diesen proaktiven digitalen Kontakt ließ sich die Verordnung von SGLT2-Inhibitoren von 8,2 auf 18,6 Prozent mehr als verdoppeln – ein Hinweis darauf, wie digitale Angebote helfen können, Versorgungslücken zu schließen.
Bewegung bei Vorhofflimmern könnte durch ein strukturiertes, individuell angepasstes Trainingsprogramm ein wichtiger Bestandteil der Behandlung sein. Es zeigt sich nämlich, dass ein individuell angepasstes einjähriges Trainingsprogramm bei Menschen mit Vorhofflimmern die Zeit, in der sie sich im Rhythmusproblem befanden, verringerte.
In dieser sehr bemerkenswerten Studie verglich man eine Katheterablation bei Vorhofflimmern mit einem Scheinverfahren. Interessanterweise berichteten bei Studien-Gruppen über eine Verbesserung der Lebensqualität; der zusätzliche Effekt der tatsächlichen Ablation war jedoch nicht größer als der des Scheinverfahrens. Daraus lässt sich schließen, dass eine Ablation nicht automatisch die Lebensqualität verbessert.
Bei einer schweren Undichtigkeit der Trikuspidalklappe zeigte eine kathetergestützte Reparatur gegenüber alleiniger medikamentöser Behandlung Vorteile bei Tod und Krankenhauseinweisungen wegen Herzschwäche. Das heißt für bestimmte Hochrisikopatienten u. a., dass schonende katheterbasierte Verfahren eine wichtige Alternative werden können.
Patienten, die trotz mehrerer Medikamente dauerhaft zu hohe Blutdruckwerte aufweisen, könnten künftig vom neuen Wirkprinzip des Medikaments Baxdrostat profitieren. Dieses untersuchte man bei unkontrolliertem beziehungsweise resistentem Bluthochdruck, die Ergebnisse zählen zweifelsfrei zu den wichtigen neuen pharmakologischen Ansätzen des Kongresses.
Vor allem bei Medikamenten, die Blutgerinnung und Blutungsrisiko beeinflussen, müssen Nutzen und Risiken sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. So sollte der Faktor-XIa-Hemmer Milvexian nach einem akuten Koronarsyndrom zusätzliche Sicherheit vor weiteren Herz-Kreislauf-Ereignissen bieten. Leider konnte das Studienergebnis diese Hoffnung nicht bestätigen, denn es zeigte keinen Unterschied bei den kardiovaskulären Ereignissen gegenüber Placebo. Allerdings gab es auch keinen Anstieg schwerer intrakranieller oder tödlicher Blutungen.
Studienergebnisse bedeuten nicht automatisch, dass Patienten ihre bisherige Behandlung ändern sollten. Denn diese dürften sich weniger für die spektakulärsten Schlagzeilen interessieren, sondern ihr Augenmerk auf die Frage richten: Was könnte sich dadurch bei der eigenen Behandlung ändern? Entscheidend sind daher stets die individuellen Voraussetzungen und die Umsetzung in Leitlinien und ärztliche Praxis.