Monatelang auf den Termin beim Kardiologen oder Hautarzt warten? Für viele Patienten ist das bittere Realität. Doch wenn es medizinisch brennt, gibt es eine gesetzliche Überholspur: den Hausarztvermittlungsfall. Wir klären auf, wie Sie schneller in die Sprechstunde kommen, warum Ihr Hausarzt dafür Geld bekommt und wo die Fallstricke des Systems liegen.
Wer heute als gesetzlich Versicherter einen Facharzttermin sucht, braucht oft zwei Dinge: Geduld und starke Nerven. Während Privatpatienten oft binnen Tagen durchgewinkt werden, landen Kassenpatienten nicht selten auf Wartelisten für das nächste Quartal – oder das nächste Jahr.
Doch das System hat ein „Hintertürchen“. Mit Begriffen wie „Akutüberweisung“, „TSS-Fall“ oder dem „Hausarztvermittlungsfall“ versucht die Politik, die Wartezeiten zu drücken. Das Ziel: Wer wirklich krank ist, soll nicht in der Warteschleife hängen. Doch in der Praxis hakt es gewaltig.
Der Hausarzt übernimmt hier die Rolle des Lotsen (Gatekeeper). Wenn er feststellt, dass Ihre Behandlung keinen Aufschub duldet, aber kein klassischer Fall für die Notaufnahme ist, wird er aktiv.
Es gibt zwei Wege zur schnellen Hilfe:
Der Dringlichkeitscode (TSS-Termin): Sie erhalten eine Überweisung mit einem gelben Aufkleber (dem Vermittlungscode). Mit diesem Code können Sie unter der Nummer 116 117 oder online einen Termin innerhalb von maximal 35 Tagen einfordern.
Der echte Hausarztvermittlungsfall: Hier greift Ihr Hausarzt selbst zum Telefon und vereinbart für Sie direkt einen Termin bei einem Kollegen. Das passiert oft noch für denselben oder den nächsten Tag.
Wichtig für Sie: Für Radiologen, Nuklearmediziner oder Pathologen benötigen Sie ohnehin zwingend eine Überweisung. Für fast alle anderen Fachärzte könnten Sie theoretisch direkt gehen – doch ohne den „Vermittlungs-Stempel“ landen Sie wieder ganz hinten in der Schlange.
Dass das System so emotional diskutiert wird, liegt am Geld. Medizinische Notwendigkeit trifft hier auf finanzielle Anreize. Seit dem Terminservicestelle-Gesetz (TSVG) und dem GKV-Finanzstabilisierungsgesetz gibt es klare Boni:
Zusatz-Euro für den Hausarzt: Vermittelt die Praxis einen Termin direkt („Hausarztvermittlungsfall“), erhält der Arzt eine Pauschale von aktuell ca. 15 Euro für den Telefonaufwand.
Turbo-Zuschlag für Fachärzte: Der Facharzt, der Sie kurzfristig annimmt, darf sich freuen. Je schneller er Sie behandelt, desto höher sein Bonus. Bei einer Behandlung am nächsten Tag kann er einen Zuschlag von 100 % auf die Grundpauschale abrechnen. Zudem werden diese Leistungen „extrabudgetär“ vergütet – der Arzt bekommt also das volle Honorar ohne die üblichen Kürzungen durch die Krankenkassen.
Das System steht unter Dauerfeuer. Kritiker bemängeln eine „künstliche Dringlichkeit“. Da Fachärzte für diese Fälle mehr Geld bekommen, werden sie motiviert, bevorzugt Patienten mit Code anzunehmen. Wer „nur“ eine normale Überweisung hat, wartet dadurch unter Umständen noch länger.
Zudem herrscht eine regionale Ungleichheit: Patienten mit einem gut vernetzten, engagierten Hausarzt haben deutlich bessere Karten als Patienten in unterversorgten ländlichen Gebieten, wo selbst der Hausarzt keinen Facharzt mehr ans Telefon bekommt.
| Vorteil für Patienten | Kritikpunkt / Risiko |
|---|---|
| Schnelligkeit: Facharzttermin oft binnen 24h bis 4 Tage. | Zwei-Klassen-Medizin: Bevorzugung von “Code-Patienten”. |
| Entlastung: Weniger volle Notaufnahmen durch Fehlbelegungen. | Bürokratie: Hoher Dokumentationsaufwand für die Praxen. |
| Koordination: Hausarzt behält den Überblick über die Befunde. | Kosten: Die Bonus-Zahlungen belasten das GKV-System massiv. |
Wenn Sie Schmerzen haben oder ein Befund dringend abgeklärt werden muss, geben Sie sich nicht mit einem Termin in sechs Monaten zufrieden.
Das System ist nicht perfekt, aber es ist derzeit das einzige Mittel, um als gesetzlich Versicherter die Warteschlange legal zu überspringen.
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