Es beginnt oft mit einer Kleinigkeit. Ein Ziehen in der Brust. Kopfschmerzen, die länger bleiben als sonst. Ein Fleck auf der Haut, der gestern vielleicht noch nicht da war. Eigentlich nichts Dramatisches. Trotzdem ist plötzlich dieser Gedanke da: Was, wenn es etwas Ernstes ist?
Dann beginnt die Suche. Erst kurz, dann immer länger. Ein Symptom führt zum nächsten, eine mögliche Diagnose zur nächsten. Und irgendwann ist aus einer harmlosen Körperempfindung eine konkrete Bedrohung geworden.
Menschen, die so reagieren, werden schnell als „Hypochonder“ bezeichnet. Das klingt abschätzig und wird dem Problem nicht gerecht. Denn ausgeprägte Krankheitsangst ist keine Marotte. Die befürchtete Krankheit mag nicht vorhanden sein – die Angst davor ist sehr real.
Natürlich macht sich jeder gelegentlich Sorgen um seine Gesundheit. Das ist normal und manchmal sogar wichtig. Neue, starke oder anhaltende Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden.
Bei einer Krankheitsangststörung endet die Sorge jedoch nicht mit einem unauffälligen Befund. Die Untersuchung bringt Erleichterung, aber oft nur für wenige Stunden oder Tage. Dann taucht ein neues Symptom auf oder der alte Zweifel kehrt zurück: Hat der Arzt vielleicht etwas übersehen? War die Untersuchung wirklich gründlich genug?
Typisch ist ein Kreislauf aus Beobachten, Bewerten und Kontrollieren. Der eigene Körper wird immer genauer wahrgenommen. Herzklopfen, Muskelzucken, Schwindel oder Magenbeschwerden erscheinen plötzlich ungewöhnlich und bedrohlich.
Die Angst verstärkt wiederum körperliche Reaktionen. Der Puls steigt, die Muskeln verspannen sich, der Atem wird flacher. So entstehen neue Empfindungen – und damit neuer Stoff für die Sorge.
Das Internet scheint zunächst die perfekte Lösung zu bieten. Ein paar Begriffe in die Suchmaschine eingeben, kurz nachlesen, Gewissheit bekommen. In der Praxis passiert häufig das Gegenteil.
Suchmaschinen wissen nicht, wie alt ein Mensch ist, welche Vorerkrankungen bestehen oder wie wahrscheinlich eine Diagnose tatsächlich ist. Seltene und schwere Erkrankungen stehen deshalb direkt neben harmlosen Erklärungen. Und die dramatische Überschrift bleibt meist stärker hängen als der beruhigende Satz darunter.
Wer lange genug sucht, findet für fast jedes Symptom eine ernste Krankheit. Dieses ständige Recherchieren wird häufig als Cyberchondrie bezeichnet. Es ist keine eigene Diagnose, kann Krankheitsangst aber deutlich verstärken. (Studie zu Cyberchondrie)
Warum Suchmaschinen bei Beschwerden schnell in die Irre führen, zeigt auch unser Beitrag über häufig gesuchte Krankheitssymptome bei „Dr. Google“.
Viele Betroffene messen immer wieder ihren Puls, prüfen den Blutdruck, ertasten Lymphknoten oder betrachten Hautstellen im Spiegel. Andere fragen regelmäßig Angehörige nach ihrer Einschätzung oder suchen verschiedene Ärzte auf.
Das wirkt zunächst vernünftig. Schließlich möchte man nichts übersehen. Doch jedes Kontrollieren sendet gleichzeitig eine Botschaft an das Gehirn: Die Gefahr war offenbar groß genug, um nachzusehen.
Die kurze Beruhigung wird dadurch selbst Teil des Problems. Sobald die Angst zurückkehrt, beginnt die Kontrolle von vorn.
Manche Menschen reagieren genau umgekehrt. Sie meiden Arzttermine aus Angst, dort tatsächlich eine schlimme Diagnose zu erhalten. Auch das kann ein Zeichen dafür sein, dass die Sorge nicht mehr angemessen gesteuert werden kann.
Der erste Schritt besteht oft darin, den eigenen Ablauf zu erkennen. Was löst die Angst aus? Wie lange wird recherchiert? Wie oft wird kontrolliert? Und wie lange hält die Erleichterung danach tatsächlich an?
Hilfreich kann sein, Gesundheitsrecherchen bewusst zu begrenzen und Beschwerden nicht mehrfach am Tag zu prüfen. Medizinische Fragen lassen sich sammeln und bei einem regulären Termin mit einer festen ärztlichen Ansprechperson besprechen.
Das klingt zunächst einfach, ist es aber nicht. Wer auf eine Kontrolle verzichtet, spürt die Angst oft erst einmal stärker. Genau darin liegt jedoch ein wichtiger Lernprozess: Die Anspannung kann auch von selbst wieder abnehmen – ohne neue Suche, ohne Messung und ohne weitere Rückversicherung.
Als besonders wirksam gilt die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei geht es nicht darum, Beschwerden zu ignorieren. Betroffene lernen vielmehr, Katastrophengedanken zu erkennen, Körperempfindungen realistischer einzuordnen und Kontrollrituale schrittweise abzubauen.
Eine Auswertung von 19 kontrollierten Studien zeigte deutliche und anhaltende Verbesserungen durch kognitive Verhaltenstherapie. Auch therapeutisch begleitete Onlineangebote können hilfreich sein. (Studienübersicht)
Mehr zu digitalen Behandlungsmöglichkeiten lesen Sie in unserem Beitrag Angststörungen mit Internet-Therapie behandeln.
Professionelle Hilfe ist spätestens dann ratsam, wenn die Angst den Alltag bestimmt: wenn Gedanken an Krankheiten täglich viel Zeit kosten, Untersuchungen nur noch kurz beruhigen, Beziehungen darunter leiden oder Arzttermine aus Angst vermieden werden.
Eine erste Anlaufstelle kann die Hausarztpraxis sein. Eine psychotherapeutische Sprechstunde lässt sich auch direkt vereinbaren. Über den Patientenservice 116117 können gesetzlich Versicherte nach geeigneten Praxen suchen.
Krankheitsangst lässt sich behandeln. Meist nicht durch noch mehr Untersuchungen oder noch mehr Informationen, sondern durch einen anderen Umgang mit Unsicherheit. Denn vollständige Gewissheit über die eigene Gesundheit gibt es nicht. Vertrauen kann trotzdem wieder wachsen.