Manche Menschen brauchen keine Wetter-App. Ihr Knie meldet den Regen, bevor über dem Nachbardach die erste Wolke auftaucht. Andere wachen mit dumpfem Schädel auf und wissen sofort: Föhn. Belächelt werden sie dafür bis heute. Zu Unrecht.
Rund die Hälfte der Deutschen sagt, dass ihnen das Wetter zusetzt. Krank macht es nicht. Es kann aber Beschwerden verstärken, die ohnehin da sind, manchmal ziemlich deutlich. Das gilt vor allem dann, wenn Luftdruck und Temperatur innerhalb weniger Stunden umschlagen.
Einer der Ersten, die das genauer wissen wollten, war der Münchner Biometeorologe Peter Höppe. Anfang der 2000er-Jahre ließ er 50 wetterfühlige Frauen und Männer über Monate Tagebuch führen. Wie geht es mir heute? Was tut weh? Danach legte sein Team die Notizen neben die Daten des Deutschen Wetterdienstes. Bei zwei von drei Teilnehmern passten Beschwerden und Wetterlage zusammen. „Von eingebildeten Kranken kann in der Mehrzahl der Fälle keine Rede sein“, sagte Höppe damals.
Inzwischen gibt es deutlich größere Studien. In Großbritannien trugen 2658 Menschen mit chronischen Schmerzen 15 Monate lang täglich in eine Smartphone-App ein, wie stark es gerade wehtat. Das Handy lieferte den Standort, ein Wetterdienst die Messwerte dazu. Das Ergebnis der Studie dürfte die meisten Teilnehmer kaum überrascht haben: An feuchten, windigen Tagen mit tiefem Luftdruck waren die Schmerzen stärker. Der Unterschied war nicht dramatisch, aber klar messbar. Er blieb auch dann bestehen, als die Forscher Stimmung und Bewegung herausrechneten.
Ganz einig ist sich die Wissenschaft trotzdem nicht. Ein Team der Harvard Medical School wertete die Daten von mehr als 1,5 Millionen älteren US-Versicherten aus und fand keinen Zusammenhang zwischen Regentagen und Arztbesuchen wegen Gelenk- oder Rückenschmerzen. Das widerlegt die App-Studie allerdings nicht. Wer ein schmerzendes Knie hat, sitzt deshalb noch lange nicht im Wartezimmer. Und vermutlich ist der Regen gar nicht der eigentliche Auslöser. Eher ist es der Druckabfall, der ihm vorausgeht.
Biometeorologen unterscheiden zwei Gruppen. Wetterfühlige Menschen sind eigentlich gesund. Bei bestimmten Wetterlagen schlafen sie schlechter, sind fahrig, gereizt oder haben Kopfschmerzen. Das ist lästig, aber harmlos.
Anders sieht es bei Wetterempfindlichen aus. Bei ihnen trifft das Wetter auf eine bestehende Erkrankung, etwa Arthrose, Rheuma, Asthma, Bluthochdruck, eine Herzschwäche oder Migräne. Auch alte Knochenbrüche und Operationsnarben melden sich gern, sobald es nasskalt wird. Menschen nach einer Amputation spüren Wetterwechsel häufig im Stumpf.
Ständig gleicht unser Organismus aus: Temperatur, Blutdruck, Flüssigkeit. Dieses Nachregeln übernimmt das vegetative Nervensystem, ohne dass wir es merken. Kommt ein Wetterumschwung schnell, hat es plötzlich viel zu tun. Ein gesunder, ausgeruhter Körper steckt das weg. Bei Stress, Schlafmangel, einer chronischen Erkrankung oder im Alter klappt das schlechter.
Für Gelenke und Narben gibt es eine einleuchtende Erklärung. Sinkt der Luftdruck, dehnt sich Gewebe ein klein wenig aus. Ist es entzündet oder vernarbt, kann schon dieser minimale Zug die Nervenenden reizen. Kälte kommt noch hinzu, denn sie macht Muskeln und Sehnen steifer.
Wer in Bayern lebt, kennt den Föhn: warmer, trockener Fallwind von den Alpen, glasklare Fernsicht. Für viele Migränepatienten ist er ein klassischer Auslöser. Geklärt ist der Mechanismus bis heute nicht. Im Verdacht stehen die schnellen Luftdruckschwankungen, die den Föhn begleiten.
Wenn über Wetterfühligkeit gesprochen wird, geht es meist um Regen, Kälte und Föhn. Gesundheitlich gefährlicher ist aber etwas anderes: mehrere heiße Tage am Stück, vor allem, wenn es nachts kaum abkühlt. Der Kreislauf arbeitet dann am Limit. Für ältere Menschen, Herzkranke und kleine Kinder kann das bedrohlich werden.
Besonders aufpassen sollten alle, die Entwässerungstabletten oder blutdrucksenkende Mittel nehmen. Diese Medikamente verstärken den Flüssigkeitsverlust oder den Blutdruckabfall. Ob die Dosis im Hochsommer angepasst werden sollte, gehört in die Arztpraxis. Die Tabletten auf eigene Faust weglassen sollten Sie nicht.
Praktisch für die Planung ist die Biowetter-Vorhersage des DWD. Sie zeigt für heute und die zwei folgenden Tage, wie stark das Wetter in Ihrer Region Herz und Kreislauf, rheumatische Beschwerden, die Atemwege und das allgemeine Befinden belastet. So lässt sich der anstrengende Termin vielleicht auf einen besseren Tag schieben.
Der naheliegende Reflex bei Schmuddelwetter ist Sofa, Decke, Heizung hoch. Für Wetterfühlige ist das ungefähr das Falsche. Wer sich nur noch zwischen geheizter Wohnung, Auto und Büro bewegt, nimmt seinem Körper die Übung. Kälte, Wind und Nieselregen sind kleine Trainingsreize für die Gefäße. Fehlen sie, kommt der Kreislauf mit dem nächsten Wetterwechsel umso schlechter klar.
Hilfreich ist deshalb jeden Tag eine halbe Stunde draußen, bei jedem Wetter, gern zügig. Wer mag, ergänzt das durch Wechselduschen oder Kneipp-Anwendungen, etwa ein kaltes Armbad oder Wassertreten. In der Naturheilkunde hat das eine lange Tradition. Dass die Gefäße davon profitieren, ist plausibel. Große Studien speziell zur Wetterfühligkeit gibt es dazu allerdings nicht.
Eine Einschränkung ist wichtig. Wer herzkrank ist, einen schlecht eingestellten Blutdruck oder Durchblutungsstörungen hat, sollte kalte Güsse vorher mit dem Arzt besprechen. Der Kältereiz kann den Blutdruck kurzfristig kräftig nach oben treiben.
Der Rest ist unspektakulär, wirkt aber: regelmäßig schlafen, genug trinken, Stress abbauen. Bei Migräne und Spannungskopfschmerz ist zum Beispiel die progressive Muskelentspannung gut untersucht.
Nicht jeder Kopfschmerz bei Wetterumschwung kommt vom Wetter. Lassen Sie es ärztlich abklären, wenn Kopfschmerzen neu oder ungewohnt heftig sind, wenn Beschwerden auch bei stabilem Wetter bleiben oder wenn Schwindel, Herzrasen oder Atemnot dazukommen.
Rufen Sie sofort die 112, wenn ein Kopfschmerz schlagartig und mit nie gekannter Wucht einsetzt. Dasselbe gilt bei Druck auf der Brust, plötzlichen Lähmungen, verwaschener Sprache oder Sehstörungen. Dann geht es womöglich um einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Wer chronisch krank ist und das Gefühl hat, dass bestimmte Wetterlagen die Beschwerden zuverlässig verschlimmern, sollte ein paar Wochen lang Tagebuch führen, ganz wie die Teilnehmer in Höppes Studie. Mit solchen Notizen lässt sich in der Praxis viel konkreter über die Behandlung sprechen als mit einem vagen „Bei Regen ist es immer schlimmer“.
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