Lavendel kennen die meisten aus dem Duftkissen oder dem Badezusatz. In Kapselform hat ein spezielles Lavendelöl längst seinen Platz in der Apotheke gefunden, nämlich gegen innere Unruhe und Angst. Jetzt rückt es in ein neues Licht: Eine aktuelle Auswertung deutet darauf hin, dass das Präparat auch bei Depressionen helfen könnte. Im direkten Vergleich mit dem bewährten Antidepressivum Sertralin schnitt es erstaunlich gut ab.
Die Ergebnisse stammen aus einer randomisierten, kontrollierten Studie mit knapp 500 Erwachsenen. Veröffentlicht wurden sie im International Journal of Neuropsychopharmacology. Beteiligt waren unter anderem Forschende der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU München. Ihre Frage: Wirkt das Lavendelölpräparat Silexan bei Menschen mit einer leichten bis mittelschweren Depression?
Silexan ist kein gewöhnliches Lavendelöl aus dem Drogerieregal. Es handelt sich um ein standardisiertes ätherisches Öl aus Echtem Lavendel (Lavandula angustifolia), das in genau festgelegter Zusammensetzung und Dosierung als Kapsel eingenommen wird. In Deutschland ist es als rezeptfreies Arzneimittel gegen Angstzustände zugelassen.
Schon früher fiel etwas auf: Wer das Präparat wegen Angst einnahm, berichtete oft auch über eine bessere Stimmung. Eine Metaanalyse von fünf placebokontrollierten Studien bestätigte das 2022. Bei Patienten mit Angststörungen oder leichteren Angstbeschwerden linderte Silexan auch begleitende depressive Symptome deutlicher als ein Placebo. Das brachte die Forschenden auf eine naheliegende Idee: Vielleicht wirkt das Lavendelöl nicht nur beruhigend, sondern auch direkt gegen eine Depression.
Grundlage ist die sogenannte LEAD-Studie aus dem Jahr 2024. Für die neue Analyse nahmen sich die Wissenschaftler die damals erhobenen Daten noch einmal vor, diesmal mit Blick auf einzelne Symptome der Depression.
Teilgenommen hatten 498 Erwachsene mit einer leichten bis mittelschweren Major Depression. Bei manchen war es die erste depressive Episode, bei anderen kehrte die Erkrankung zurück. Per Zufall wurden sie in drei Gruppen eingeteilt:
Die Behandlung dauerte acht Wochen. Gemessen wurde mit der Montgomery-Åsberg-Depressionsskala (MADRS), einem etablierten Fragebogen, mit dem Fachleute den Schweregrad einer Depression erfassen. Die Forschenden schauten sich dabei nicht nur den Gesamtwert an. Sie wollten wissen, bei welchen Beschwerden das Lavendelöl besonders gut ansetzt.
Nach acht Wochen ging es den Teilnehmenden in beiden Behandlungsgruppen deutlich besser als in der Placebogruppe. Silexan und Sertralin waren dem Scheinmedikament im MADRS-Gesamtwert statistisch signifikant überlegen.
Auch die Ansprechraten lagen nah beieinander: In der Silexan-Gruppe sprachen 53,5 Prozent der Teilnehmenden auf die Behandlung an, unter Sertralin 54,0 Prozent. In der Placebogruppe waren es 41,5 Prozent. Dass sich auch unter Placebo viele besserten, ist bei leichteren Depressionen nicht ungewöhnlich.
Spannender wurde es beim Blick auf die einzelnen Symptome. Bei fünf der neun erfassten Beschwerden war Silexan signifikant wirksamer als Placebo:
Auch bei innerer Anspannung und bei der verminderten Fähigkeit, Freude oder andere Gefühle zu empfinden, lag das Lavendelöl vorn. Hier verfehlten die Unterschiede die statistische Signifikanz allerdings knapp. Insgesamt ähnelte das Wirkprofil über weite Strecken dem von Sertralin.
Für die Forschenden ist vor allem eines bemerkenswert: Silexan scheint gerade die Kernsymptome einer Depression zu beeinflussen. Gemeint sind die niedergeschlagene Stimmung, der Verlust von Freude und Interesse und der fehlende Antrieb, also genau das, was eine Depression ausmacht.
Das spricht dafür, dass die Besserung nicht allein daher kommt, dass Angst und innere Unruhe nachlassen. Silexan könnte eine eigenständige antidepressive Wirkung haben. Eine weitere Auswertung derselben Studiendaten aus dem Jahr 2025 weist in eine ähnliche Richtung: Demnach kamen Betroffene unter Silexan auch im Alltag, im Beruf und im sozialen Leben wieder besser zurecht.
Trotzdem ist Vorsicht angebracht. Die Auswertung einzelner Symptome ist explorativ, also eher eine Spurensuche als ein Beweis. Die Studie war ursprünglich nicht darauf ausgelegt, Unterschiede bei jedem einzelnen Symptom zuverlässig nachzuweisen. Hinzu kommt: Es gibt bislang keine anerkannten Grenzwerte dafür, ab wann die Veränderung eines einzelnen MADRS-Symptoms für Patientinnen und Patienten wirklich spürbar ist.
Ein weiterer Punkt betrifft die Finanzierung. Unterstützt wurde die Arbeit von der Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. KG aus Karlsruhe, dem Hersteller von Silexan. Das gilt auch für die bisherigen Studien zu dem Präparat. Die Ergebnisse sind damit nicht automatisch falsch. Unabhängige Studien sollten sie aber bestätigen, bevor man belastbare Schlüsse zieht.
Wichtig für den Alltag: Die Ergebnisse gelten ausschließlich für das untersuchte, standardisierte Arzneimittel in der festgelegten Dosis. Ob ein Duftöl, ein Lavendeltee oder ein anderes ätherisches Lavendelöl ähnlich wirkt, lässt sich daraus nicht ableiten. Ätherische Öle aus dem Handel sind außerdem nicht zum Einnehmen gedacht und können in größeren Mengen Schleimhäute reizen.
Silexan gilt als gut verträglich. Am häufigsten berichten Anwender über Aufstoßen mit Lavendelgeschmack und leichte Magen-Darm-Beschwerden, seltener über allergische Hautreaktionen. Für Schwangere, Stillende sowie Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist das Präparat nicht vorgesehen, da hier Daten fehlen. Wer bereits andere Medikamente einnimmt, sollte die Einnahme vorher mit Arzt oder Apotheke besprechen.
Eine Depression ist eine ernsthafte Erkrankung und gehört in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Halten Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Freudlosigkeit länger als zwei Wochen an, ist eine Abklärung sinnvoll. Die Hausarztpraxis ist dafür ein guter erster Anlaufpunkt. Was außerdem bei einer Depression hilft, lesen Sie in unserem Ratgeber Depression: Was wirklich hilft.
Wer bereits ein Antidepressivum nimmt, sollte es keinesfalls eigenmächtig absetzen oder durch ein pflanzliches Mittel ersetzen. Das kann Absetzbeschwerden auslösen und das Risiko für einen Rückfall erhöhen.
Bei Gedanken an Suizid zählt jede Minute: Dann sofort den Notruf 112 wählen, eine psychiatrische Klinik aufsuchen oder sich an die Telefonseelsorge wenden, die rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar ist.
Die Auswertung liefert spannende Hinweise: Standardisiertes Lavendelöl in Kapselform könnte bei leichter bis mittelschwerer Depression helfen. Nach acht Wochen besserten sich nicht nur der Gesamtschweregrad, sondern auch zentrale Beschwerden wie gedrückte Stimmung, Konzentrationsprobleme und fehlender Antrieb, in vielen Bereichen ähnlich wie unter Sertralin.
Dass Silexan etablierte Antidepressiva oder eine Psychotherapie ersetzen kann, zeigt die Studie jedoch nicht. Sie ist vielmehr ein Ausgangspunkt für weitere, möglichst unabhängige Forschung. Für Betroffene mit leichteren Beschwerden kann es dennoch ein Thema sein, das sich im Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin ansprechen lässt.
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