Wacholder riecht nach Wald, würzt Wild und Sauerkraut und gibt Gin sein unverwechselbares Aroma. Doch die kleinen blauschwarzen Früchte des Gemeinen Wacholders (Juniperus communis) haben noch eine andere Seite: Seit Jahrhunderten gehören sie zur europäischen Pflanzenheilkunde.
Vor allem bei Völlegefühl und Blähungen sowie zur Unterstützung der Harnwege hat Wacholder seinen festen Platz. Und auch Sebastian Kneipp wusste die kleinen Beeren zu schätzen.
Botanisch betrachtet sind Wacholderbeeren gar keine echten Beeren. Es handelt sich um fleischige Beerenzapfen des Gemeinen Wacholders, eines immergrünen Strauches aus der Familie der Zypressengewächse.
Wacholder wächst in lichten Wäldern, auf Heideflächen und sonnigen Weiden. Im Gebirge bleibt er oft niedrig und breit, an geschützten Standorten kann er dagegen mehrere Meter hoch werden.
Geduld gehört dazu: Die zunächst grünen Früchte brauchen zwei bis drei Jahre, bis sie ihre typische dunkelblaue bis schwarzblaue Farbe entwickeln.
Dann besitzen sie auch ihr charakteristisches Aroma – würzig, harzig, leicht bitter und unverkennbar nach Wald.
Verantwortlich für Duft und Geschmack sind vor allem ätherische Öle mit Inhaltsstoffen wie α-Pinen, Sabinen und Terpinen-4-ol. Hinzu kommen Gerbstoffe, Flavonoide, organische Säuren und weitere Pflanzenstoffe.
Gerade diese Mischung macht Wacholder für die traditionelle Pflanzenheilkunde interessant. Untersuchungen beschäftigen sich unter anderem mit antioxidativen, antimikrobiellen und entzündungshemmenden Eigenschaften seiner Inhaltsstoffe. Einen guten Überblick über die bisher erforschten Pflanzenstoffe und ihre möglichen Wirkungen bietet eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu Juniperus communis bei PubMed Central. Die Verwendung von Heilpflanzen und ihren ätherischen Ölen gehört seit Jahrhunderten zur Naturheilkunde.
Ein deftiges Essen, danach Druck im Bauch und unangenehmes Völlegefühl – für solche Situationen wurden Wacholderbeeren traditionell schon früh eingesetzt.
Die aromatischen und bitteren Pflanzenstoffe können die Verdauung anregen. Wacholder wird deshalb in der Pflanzenheilkunde vor allem bei leichten Verdauungsbeschwerden wie Blähungen und Völlegefühl verwendet.
Die EMA-Monographie zu Wacholderbeeren nennt leichte Verdauungsbeschwerden und die unterstützende Durchspülung der Harnwege als traditionelle Anwendungsgebiete.
In der Küche passt Wacholder besonders gut zu schwereren Gerichten. Klassisch findet man ihn in Sauerkraut, Rotkohl, Wildgerichten, Marinaden und kräftigen Saucen. Meist genügen wenige leicht zerdrückte Beeren.
Ein weiterer traditioneller Einsatzbereich betrifft Blase und Harnwege.
Wacholder kann die Harnausscheidung erhöhen und wird deshalb in pflanzlichen Zubereitungen zur sogenannten Durchspülungstherapie eingesetzt. Dabei wird mehr Flüssigkeit ausgeschieden und die Harnwege werden stärker durchspült.
Auch diese Verwendung ist von der EMA als traditionelle Anwendung anerkannt.
Ausreichendes Trinken gehört dabei selbstverständlich dazu.
Mehr über Beschwerden in diesem Bereich lesen Sie unter Nieren und ableitende Harnwege.
Bei Fieber, Blut im Urin, starken Schmerzen oder länger anhaltenden Beschwerden sollte die Ursache ärztlich abgeklärt werden.
Eine besonders bekannte Anwendung stammt aus der traditionellen Kneipp-Medizin.
Sebastian Kneipp empfahl Wacholderbeeren unter anderem bei Verdauungs- und Stoffwechselbeschwerden. Bekannt wurde seine sogenannte Wacholderbeeren-Kur, bei der die Beeren langsam gesteigert und anschließend wieder reduziert werden.
Überliefert sind unterschiedliche Varianten. Häufig beginnt die Kur mit wenigen Beeren, steigert die Menge täglich und reduziert sie anschließend wieder Schritt für Schritt.
Die Idee dahinter passt gut zur Kneippschen Naturheilkunde: Pflanzen nicht isoliert betrachten, sondern Ernährung, Bewegung, Wasseranwendungen und Lebensweise miteinander verbinden.
Heute ist diese Kur vor allem als traditionelle Anwendung interessant. Wer Wacholder gezielt und über längere Zeit medizinisch einsetzen möchte, sollte Dosierung und persönliche Verträglichkeit vorher abklären.
Für einen Wacholdertee werden die getrockneten Beeren vor dem Aufgießen leicht zerdrückt. Dadurch können die ätherischen Öle besser austreten.
Traditionell verwendet man ungefähr:
Der Geschmack ist kräftig, würzig und leicht bitter.
Wacholder lässt sich auch mit anderen Kräutern kombinieren. In fertigen Blasen- und Verdauungstees findet man ihn deshalb gelegentlich zusammen mit weiteren Heilpflanzen.
Auch äußerlich hat Wacholder in der Volks- und Naturheilkunde eine lange Tradition.
Bäder mit Wacholderzweigen oder Wacholderextrakten werden besonders bei müden Muskeln und Gelenken geschätzt. Wärme entspannt, während der typische Duft der ätherischen Öle dem Bad einen angenehm waldigen Charakter gibt.
Traditionell werden solche Bäder auch bei rheumatischen Beschwerden eingesetzt. Sie sind vor allem als wohltuende Wärme- und Entspannungsanwendung zu verstehen.
Ähnliche Anwendungen gehören seit Langem zum Spektrum der Pflanzenmedizin.
Wacholderzweige wurden früher in Häusern, Ställen und Krankenzimmern verräuchert. Der aromatische Rauch sollte die Luft reinigen und unangenehme Gerüche vertreiben.
Auch heute findet man Wacholder noch in traditionellen Räuchermischungen. Sein Duft ist kräftig, harzig und erinnert unmittelbar an Nadelwald.
Das Räuchern gehört dabei eher in den Bereich traditioneller Brauchtums- und Aromaanwendungen als zur medizinischen Behandlung.
Wer Wacholder sicher erkennt, kann reife Früchte im Spätherbst sammeln und trocknen.
Allerdings gibt es verschiedene Wacholderarten – und nicht alle sind für den Verzehr geeignet. Besonders der giftige Sadebaum (Juniperus sabina) darf nicht mit dem Gemeinen Wacholder verwechselt werden.
Wer sich bei der Bestimmung nicht absolut sicher ist, greift besser zu getrockneten Wacholderbeeren aus dem Gewürzhandel oder der Apotheke.
Als Gewürz werden Wacholderbeeren normalerweise nur in kleinen Mengen verwendet.
Anders sieht es bei konzentrierten Tees, Extrakten oder längeren Kuren aus. Bei entzündlichen Nierenerkrankungen und schweren Nierenproblemen sind medizinische Wacholderzubereitungen nicht geeignet. Auch während Schwangerschaft und Stillzeit wird von der medizinischen Anwendung abgeraten.
Wacholder zeigt damit schön, warum traditionelle Heilpflanzen bis heute interessant geblieben sind: Er ist Gewürz, Duftpflanze und Bestandteil der europäischen Naturheilkunde zugleich.
Und manchmal genügt bereits eine zerdrückte Beere im Kochtopf, um daran erinnert zu werden.