Wacholder riecht nach Wald, Gewürzen – und für manche vermutlich zuerst nach Gin. Die kleinen dunkelblauen Kugeln können allerdings mehr, als Wildgerichte und Spirituosen zu aromatisieren. Wacholderbeeren werden seit Jahrhunderten auch als Heilpflanze verwendet.
Ganz so wundersam, wie ältere Kräuterbücher vermuten lassen, sind sie allerdings nicht.
Heute gilt Wacholder vor allem als traditionelle pflanzliche Arznei bei leichten Verdauungsbeschwerden und zur unterstützenden Durchspülung der Harnwege. Genau für diese beiden Einsatzgebiete führt auch die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA Wacholderbeeren.
Die Betonung liegt dabei auf traditionell. Denn zwischen jahrhundertelanger Erfahrung und einer in großen klinischen Studien nachgewiesenen medizinischen Wirkung liegt ein erheblicher Unterschied.
Was wir Wacholderbeeren nennen, sind streng genommen kleine Beerenzapfen des Gemeinen Wacholders (Juniperus communis). Die immergrüne Pflanze gehört zu den Zypressengewächsen und wächst in weiten Teilen Europas auf Heiden, lichten Waldflächen, trockenen Weiden und in Gebirgsregionen.
Die Früchte brauchen erstaunlich lange.
Erst im zweiten oder sogar dritten Jahr färben sich die zunächst grünen Zapfen dunkelblau bis fast schwarz. Dann entwickeln sie auch ihr typisches harzig-würziges Aroma.
Dafür verantwortlich sind vor allem ätherische Öle und darin enthaltene Terpene wie α-Pinen, Sabinen und Terpinen-4-ol. Daneben enthalten Wacholderbeeren unter anderem Gerbstoffe, Flavonoide und weitere sekundäre Pflanzenstoffe. Forschungsarbeiten beschäftigen sich deshalb mit möglichen antioxidativen, antimikrobiellen und entzündungshemmenden Eigenschaften verschiedener Wacholderbestandteile.
Das klingt vielversprechend. Nur darf man aus Laborversuchen nicht automatisch eine therapeutische Wirkung beim Menschen ableiten.
Der entscheidende Unterschied steckt in einem kleinen Begriff: traditionelle Anwendung.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt Juniperus communis als traditionelles pflanzliches Arzneimittel für zwei Bereiche:
Diese Einstufung beruht auf langjähriger medizinischer Verwendung und plausiblen pharmakologischen Eigenschaften. Sie bedeutet jedoch nicht, dass die Wirkung durch hochwertige klinische Studien in gleicher Weise belegt wäre wie bei einem modernen Arzneimittel. Für einen sogenannten „well-established use“ reicht die vorhandene klinische Evidenz nicht aus.
Gerade bei Heilpflanzen ist diese Unterscheidung wichtig.
Tradition kann Hinweise liefern. Sie ersetzt aber keine kontrollierte klinische Forschung.
Ein deftiges Essen, danach Druck im Oberbauch und das Gefühl, der Magen habe für heute eigentlich genug – genau in solchen Situationen wurde Wacholder traditionell eingesetzt.
Die bitter-aromatischen Inhaltsstoffe und ätherischen Öle könnten Verdauungsvorgänge beeinflussen. In der Pflanzenheilkunde wird Wacholder deshalb vor allem bei leichten dyspeptischen Beschwerden verwendet, also etwa bei Völlegefühl und Blähungen.
Eine Wunderwaffe gegen Verdauungsprobleme ist er nicht.
Wer häufiger unter Blähungen, Bauchschmerzen oder Völlegefühl leidet, sollte zunächst nach der Ursache suchen. Ernährung, Medikamente, Unverträglichkeiten oder funktionelle Magen-Darm-Beschwerden kommen ebenso infrage wie organische Erkrankungen.
Mehr zu typischen Ursachen und Möglichkeiten der Selbsthilfe erklären wir in unserem Beitrag über Verdauungsbeschwerden und was hilft, wenn die Verdauung streikt.
Der zweite traditionelle Einsatzbereich betrifft die Harnwege.
Wacholder kann die Urinmenge erhöhen. Dadurch sollen die Harnwege stärker durchspült werden. Die EMA akzeptiert diese Anwendung als unterstützende Maßnahme bei leichten Beschwerden der Harnwege. Dabei ist ausreichend Flüssigkeit notwendig.
Das ist allerdings etwas völlig anderes als die Behandlung einer Blasen- oder Niereninfektion.
Wacholder tötet eine bestehende Harnwegsinfektion nicht zuverlässig ab und ersetzt weder die ärztliche Diagnose noch eine notwendige Behandlung.
Bei Fieber, Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen, Krämpfen, Blut im Urin oder deutlich zunehmenden Beschwerden sollte deshalb ärztlicher Rat eingeholt werden. Genau darauf weist auch die aktuelle EMA-Monographie hin.
Hintergründe zu Erkrankungen der Nieren und ableitenden Harnwege finden sich auch in unserem Gesundheitslexikon.
Hier wird es interessant.
Laboruntersuchungen zeigen tatsächlich, dass Bestandteile von Juniperus communis antimikrobielle Eigenschaften besitzen können. Auch antioxidative und entzündungshemmende Effekte verschiedener Inhaltsstoffe werden untersucht. Neuere Übersichtsarbeiten beschreiben dafür eine ganze Reihe biologisch aktiver Verbindungen.
Doch ein Reagenzglas ist kein Mensch.
Wenn ein Pflanzenstoff unter Laborbedingungen das Wachstum bestimmter Bakterien hemmt, bedeutet das noch lange nicht, dass das Essen oder Kauen von Wacholderbeeren eine Infektion behandelt.
Genau hier sind ältere Texte über Heilpflanzen häufig zu großzügig gewesen.
Die Vorstellung, man könne durch das Kauen von Wacholderbeeren Krankheitserreger im Körper beseitigen oder sich damit vor ansteckenden Erkrankungen schützen, ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.
Auch als Mittel gegen Husten, grippale Infekte oder Entzündungen der Atemwege wurde Wacholder traditionell verwendet.
Für eine zuverlässige medizinische Wirkung bei Erkältungen fehlen jedoch überzeugende klinische Belege. Die aktuelle europäische Monographie zu Wacholderbeeren nennt Atemwegsinfekte daher auch nicht als anerkanntes traditionelles Anwendungsgebiet.
Der intensive Duft ätherischer Öle kann durchaus als angenehm empfunden werden.
Eine Erkältung verkürzt er deshalb noch nicht.
Traditionell werden zerdrückte Wacholderbeeren auch als Tee aufgegossen. Durch das Zerquetschen werden die aromatischen Inhaltsstoffe leichter freigesetzt.
In der europäischen Pflanzenheilkunde finden sich für medizinische Teezubereitungen Mengen im Bereich von etwa zwei Gramm zerkleinerter Wacholderbeeren pro Tasse, mehrmals täglich. Die konkrete Dosierung hängt jedoch vom verwendeten Arzneimittel beziehungsweise der Zubereitung ab.
Für den gelegentlichen Einsatz als Gewürz gelten natürlich andere Maßstäbe.
Ein paar Wacholderbeeren im Sauerkraut, in einer Marinade oder im Wildgericht entsprechen nicht einer konzentrierten phytotherapeutischen Anwendung.
Eine besonders kuriose Anwendung hat bis heute überlebt: die sogenannte Wacholderbeeren-Kur.
Dabei beginnt man mit wenigen Beeren, steigert die Zahl täglich und reduziert sie anschließend wieder. Auch Sebastian Kneipp beschrieb ähnliche Kuren.
Interessanterweise findet sich dieses historische Dosierungsschema sogar in älteren europäischen Arzneipflanzen-Monographien: Beginn mit fünf Beeren, tägliche Steigerung bis auf 15 und danach wieder schrittweise zurück – insgesamt 21 Tage.
Das macht aus der Kur allerdings noch keine moderne Gesundheitsempfehlung.
Für einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen gegenüber anderen Zubereitungen gibt es keine überzeugenden klinischen Belege.
Der kräftige Geschmack verrät bereits, dass Wacholder kein neutrales Lebensmittel ist. Seine ätherischen Öle enthalten biologisch aktive Stoffe.
Und genau deshalb sollte man hoch dosierte Wacholderpräparate nicht nach dem Motto „viel hilft viel“ verwenden.
Die Sicherheitsbewertung ist nicht in allen Bereichen vollständig, und insbesondere bei hoher Dosierung oder längerer Einnahme werden mögliche Reizwirkungen auf Nieren und Magen-Darm-Trakt diskutiert. Experimentelle Daten zeigen ebenfalls, dass sich die Wirkungen deutlich mit Dosis und Zubereitung verändern können.
Für Gewürzmengen in der Küche lässt sich daraus kein vergleichbares Risiko ableiten.
Medizinische Anwendungen sind jedoch etwas anderes.
Bei schweren Nierenerkrankungen empfiehlt die EMA Wacholderbeeren nicht. Das betrifft beispielsweise entzündliche Erkrankungen der Niere oder des Nierenbeckens. Ebenfalls ungeeignet ist eine Durchspülungstherapie für Menschen, denen Ärzte eine eingeschränkte Flüssigkeitsaufnahme empfohlen haben.
Während Schwangerschaft und Stillzeit wird von einer medizinischen Verwendung ebenfalls abgeraten, weil ausreichende Sicherheitsdaten fehlen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Gericht mit zwei zerdrückten Wacholderbeeren gefährlich wäre. Die EMA-Bewertung bezieht sich auf die medizinische Anwendung entsprechender Zubereitungen.
Genau diese Unterscheidung geht bei Heilpflanzen häufig verloren.
Gemeiner Wacholder wächst auch bei uns wild. Trotzdem ist das Sammeln nichts für botanische Anfänger.
Nicht jeder Wacholder ist essbar.
Besonders problematisch ist der Sadebaum (Juniperus sabina), eine verwandte Wacholderart mit giftigen Inhaltsstoffen. Wer die Pflanzen nicht zweifelsfrei unterscheiden kann, sollte deshalb keine vermeintlichen Wacholderbeeren in freier Natur sammeln und anschließend essen.
Getrocknete Gewürzbeeren aus dem Lebensmittelhandel sind die deutlich unkompliziertere Variante.
Vielleicht liegt gerade darin der größte Reiz dieser Pflanze.
Wacholder braucht kein Etikett als „Superfood“. Seine dunkelblauen Beeren besitzen ein Aroma, das kaum mit einem anderen Gewürz zu verwechseln ist: harzig, würzig, leicht bitter und ein wenig nach Wald.
Medizinisch ist das Bild wesentlich nüchterner.
Wacholderbeeren haben eine lange Tradition bei leichten Verdauungs- und Harnwegsbeschwerden. Für diese Anwendungen erkennt auch die europäische Arzneimittelbehörde ihre traditionelle Verwendung an. Viele weitergehende Wirkungen, die der Pflanze zugeschrieben werden, stammen dagegen aus Volksmedizin, Labor- oder Tierversuchen und sind beim Menschen bislang nicht ausreichend belegt.
Manchmal muss eine Heilpflanze eben keine Wunder vollbringen.
Ein gutes Gewürz mit interessanter Geschichte und einigen pharmakologisch spannenden Inhaltsstoffen ist schließlich auch nicht wenig.
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