Hand aufs Herz: Wer blickt beim Thema Cholesterin eigentlich noch durch? Jahrzehntelang galt das Frühstücksei als sicheres Ticket zur Gefäßverkalkung, dann war plötzlich alles gar nicht so schlimm, und heute lesen wir von modernen Antikörpern, die den Cholesterinspiegel fast wie von Zauberhand senken.
Es wird Zeit, die Fakten von den Mythen zu trennen. Schauen wir uns an, was moderne Herzmedizin heute bedeutet – und warum Sie Ihr Ei vielleicht doch mit Genuss essen dürfen.
Bevor wir auf die Werte schauen, müssen wir eines klären: Ohne Cholesterin läuft in Ihrem Körper gar nichts. Es ist kein Abfallprodukt, sondern ein lebenswichtiger Baustoff. Ihre Zellwände brauchen es, Ihre Hormone (wie Cortisol oder Testosteron) entstehen daraus und ohne Cholesterin könnten Sie nicht einmal Fett verdauen, da es die Basis für die Gallensäuren bildet.
Das Spannende: Ihr Körper ist ein kleiner Selbstversorger. Etwa 70 bis 80 % des Cholesterins produziert Ihre Leber ganz allein. Nur der Rest kommt über das Essen rein. Das Problem ist also selten das Cholesterin an sich, sondern das Gleichgewicht. Wenn wir vom „bösen“ LDL sprechen, meinen wir eigentlich das Risiko, dass sich zu viel davon in Ihren Gefäßen ablagert. Aber: LDL ist erst dann ein echtes Problem, wenn es über lange Zeit zu hoch ist und auf andere Risikofaktoren wie Bluthochdruck trifft.
Das arme Hühnerei musste lange als Sündenbock herhalten. Ja, mit etwa 200 mg Cholesterin pro Stück ist es ordentlich geladen. Aber die Wissenschaft hat dazugelernt.
Aktuelle Studien zeigen heute recht deutlich: Bei den allermeisten Menschen hat das Ei auf dem Teller kaum Einfluss auf den LDL-Spiegel im Blut. Warum? Weil Ihr Körper die Eigenproduktion einfach drosselt, wenn Sie von außen nachliefern. Viel wichtiger als das Ei ist das, was drumherum passiert. Die gesättigten Fette in der Wurst zum Ei oder die Transfette im Gebäck schaden Ihren Gefäßen deutlich mehr als das Eiweiß und das Eigelb selbst.
Klartext: Ein Ei pro Tag ist für Gesunde völlig in Ordnung. Wer allerdings an Diabetes leidet oder genetisch bedingt extrem hohe Werte hat (familiäre Hypercholesterinämie), sollte das Thema kurz mit dem Hausarzt besprechen. Für alle anderen gilt: Das Ei ist ein erstklassiger Nährstofflieferant, keine Cholesterinbombe.
Fetter Fisch wie Lachs, Hering oder Makrele gehört auf den Speiseplan – das hören wir ständig. Und es stimmt: Die enthaltenen Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA) sind fantastisch für Ihre Gefäße. Sie wirken Entzündungen entgegen und halten das Blut fließfähig.
Aber – und das ist wichtig für die Erwartungshaltung: Fisch senkt Ihr LDL-Cholesterin nicht direkt. Er verbessert aber das gesamte „Milieu“ in Ihren Adern und senkt die Triglyzeride (andere Blutfette). Wenn Sie also zweimal die Woche Fisch essen, tun Sie Ihrem Herzen etwas extrem Gutes, auch wenn der LDL-Wert auf dem Papier vielleicht gar nicht so stark sinkt.
Wir alle wissen: Sport, Gemüse und wenig Stress sind die Basis. Aber seien wir ehrlich: Manchmal reicht das nicht. Bei manchen Menschen ist die Leber genetisch so programmiert, dass sie LDL einfach nicht effizient aus dem Blut fischt. Wenn dann noch ein Herzinfarkt oder Schlaganfall in der Vorgeschichte liegt, müssen die Werte drastisch runter.
Hier kommen moderne Medikamente ins Spiel. Früher gab es fast nur Statine (die Tabletten, die viele wegen Muskelschmerzen fürchten). Heute ist die Medizin weiter.
Vielleicht haben Sie schon von den sogenannten PCSK9-Antikörpern gehört. Ein bekannter Vertreter ist Alirocumab. Das klingt kompliziert, ist aber eigentlich ein genialer Trick der Natur:
Diese Antikörper blockieren ein ganz bestimmtes Enzym in der Leber. Die Folge: Die Leber kann viel mehr LDL-Rezeptoren an ihrer Oberfläche behalten. Diese Rezeptoren wirken wie kleine Staubsauger, die das schädliche Cholesterin aus dem Blut ziehen.
Das Ergebnis: Der LDL-Spiegel kann um 50 bis 60 % sinken – zusätzlich zur Ernährung oder zu Statinen.
Für wen ist das gedacht?
Cholesterin ist kein Schicksal, gegen das man machtlos ist. Aber es ist eben auch nicht mit einem „Eier-Verbot“ getan. Es geht um das große Ganze.
Am Ende zählt nicht ein einzelner Laborwert, sondern Ihr gesamtes Leben. Reden Sie mit Ihrem Arzt nicht nur über Zahlen, sondern über Ihr persönliches Risiko.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keinen Arztbesuch. Bitte besprechen Sie gesundheitliche Fragen immer mit einem qualifizierten Mediziner.