Atemnot, ein Engegefühl in der Brust und das typische Pfeifen beim Ausatmen: Wer an Asthma leidet, fokussiert sich meist verständlicherweise auf seine Bronchien. Doch eine neue, wissenschaftliche Auswertung von gigantischem Ausmaß zeigt jetzt: Die eigentliche Gefahr schlummert oft eine Etage tiefer. Eine Metaanalyse mit über elf Millionen Teilnehmenden belegt, dass Asthma-Patienten ein massiv erhöhtes Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen tragen. Besonders zwei Gruppen sollten jetzt hellhörig werden.
In der Medizin wurde Asthma lange Zeit als isolierte Erkrankung der Atemwege betrachtet. Man dachte: Die Lunge ist entzündet, das Herz ist davon unberührt. Doch dieser klinische Tunnelblick bröckelt. Moderne Forschungsansätze begreifen chronische Krankheiten zunehmend als systemische Probleme – also Prozesse, die den gesamten Körper betreffen. Die aktuelle Studie untermauert diesen Paradigmenwechsel mit erschreckend deutlichen Zahlen.
Um die Verbindung zwischen Asthma und dem Herzen endgültig zu klären, haben Forschende eine Metaanalyse durchgeführt, die in ihrer Dimension beeindruckt. Insgesamt flossen die Daten aus 30 großen Kohortenstudien ein. Die Gesamtzahl der Probanden: über 11 Millionen.
Solche Metaanalysen sind das „Gold“ der wissenschaftlichen Beweisführung, da sie Einzelstudien zusammenfassen und so statistische Zufälle nahezu ausschließen. Die Forschenden beobachteten über Jahre hinweg, wie sich die Herzgesundheit von Asthmatikern im Vergleich zu Nicht-Asthmatikern entwickelte.
Die statistische Auswertung der Daten lässt keine Zweifel offen. Wer unter Asthma leidet, trägt eine zusätzliche Last für sein Herz:
Dabei ist das Risiko nicht auf ein spezifisches Problem begrenzt. Die Analyse zeigt einen klaren Zusammenhang zu einer ganzen Reihe von Diagnosen:
Warum aber greift eine Lungenerkrankung das Herz an? Die Antwort liegt in der sogenannten systemischen Inflammation. Asthma ist eine chronische Entzündung der Schleimhäute. Doch diese Entzündung bleibt nicht lokal begrenzt. Botenstoffe aus der Lunge gelangen in die Blutbahn und zirkulieren im gesamten Körper.
Dort richten sie an den Innenseiten der Blutgefäße (Endothel) Schaden an, fördern Ablagerungen und machen die Gefäße starrer. Das Herz muss gegen einen höheren Widerstand anpumpen, während gleichzeitig die Sauerstoffversorgung durch das Asthma beeinträchtigt sein kann. Es entsteht ein Teufelskreis aus Entzündung und mechanischer Belastung.
Die Studie förderte zudem zutage, dass das Risiko ungleich verteilt ist. Zwei Gruppen stechen besonders hervor:
Überraschenderweise zeigen die Daten, dass Frauen mit Asthma ein deutlich höheres kardiologisches Risiko haben als männliche Patienten. Die Gründe hierfür sind komplex. Diskutiert werden hormonelle Einflüsse, die das Entzündungsgeschehen verstärken, aber auch die Tatsache, dass Herzprobleme bei Frauen oft später erkannt werden, weil sie sich durch untypische Symptome äußern können.
Es ist die gefährlichste Kombination: Wer trotz Asthma raucht, setzt seinem Körper einem doppelten Entzündungsreiz aus. Die Schadstoffe des Tabaks potenzieren die ohnehin vorhandene Entzündung in den Atemwegen und führen zu einer rasanten Schädigung der Herzkranzgefäße. Hier addieren sich die Risiken nicht nur – sie multiplizieren sich.
Die Ergebnisse der Metaanalyse sind kein Grund zur Panik, aber ein dringender Auftrag zum Handeln. Wer sein Risiko kennt, kann gezielt gegensteuern.
Asthma-Patienten sollten bei Routineuntersuchungen nicht nur auf ihre Lungenfunktion (Peak-Flow-Werte) achten. Fordern Sie aktiv ein kardiologisches Screening ein. Dazu gehören:
Niemand hat sein Herz-Risiko so sehr in der Hand wie der Patient selbst.
Ein gut eingestelltes Asthma reduziert die chronische Entzündungslast im Körper. Wer seine Medikamente konsequent und nach ärztlicher Anweisung nutzt, schützt indirekt auch seine Gefäße. Gleichzeitig sollten Ärzte prüfen, ob bestimmte Asthmamedikamente (in hohen Dosen) das Herz belasten könnten, und die Therapie individuell anpassen.
Die Botschaft der Wissenschaft ist eindeutig: Wir dürfen den Körper nicht mehr in Einzelteile zerlegen. Asthma ist weit mehr als eine „Atemnot-Erkrankung“. Es ist ein Risikofaktor für das wichtigste Organ unseres Körpers – das Herz.
Für Betroffene bedeutet das: Wer seine Lunge schützt, muss sein Herz im Blick behalten. Eine engmaschige Kontrolle und ein bewusster Lebensstil sind die besten Waffen, um trotz Asthma ein langes und herzgesundes Leben zu führen.
Quelle: Meta-Anlayse (Therapeutic Advances in Respiratory Disease)