Ein Kinderhospiz. Schon das Wort löst Bilder aus, die man am liebsten wieder wegschieben möchte. Sterben. Abschied. Eltern, die ihr Kind verlieren.
Doch wer zum ersten Mal ein Kinderhospiz betritt, erlebt oft etwas ganz anderes.
Kinderhospize sind keine Häuser, in denen auf den Tod gewartet wird. Sie sind Orte, an denen gelebt wird – manchmal über viele Jahre hinweg. Mit Lachen, Musik, Streit, Müdigkeit, ganz normalen Familienmomenten und einer Krankheit, die trotzdem immer mit im Raum ist.
In Deutschland leben rund 50.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit lebensbedrohlichen oder lebensverkürzenden Erkrankungen. Für sie und ihre Familien gibt es 2026 bundesweit 22 stationäre Kinder- und Jugendhospize sowie 179 ambulante Kinder- und Jugendhospizdienste.
Es kostet Überwindung, diese Tür zu öffnen.
Will ich das wirklich sehen? Kinder, die schwer krank sind. Vielleicht sterben werden. Familien, die jeden Tag mit etwas leben müssen, das für Außenstehende kaum auszuhalten scheint.
Schon diese Gedanken fühlen sich falsch an.
Und dann fällt die Tür hinter mir ins Schloss.
Keine bedrückende Stille. Kein Flüstern auf den Fluren.
Aus der Küche klappert Geschirr. Irgendwo spielt jemand Gitarre. Ein Kind schaut neugierig herüber. Im Garten bewegt sich ein Rollstuhl über den Rasen.
Plötzlich ist da nicht zuerst der Tod.
Da ist das Leben.
Und genau darin liegt der große Unterschied zwischen dem Bild, das viele von Kinderhospizen haben, und dem, was diese Häuser tatsächlich leisten.
Kinderhospizarbeit ist in erster Linie Lebensbegleitung.
Anders als bei Erwachsenen beginnt sie häufig nicht erst in der letzten Lebensphase. Familien können bereits ab der Diagnose einer lebensverkürzenden Erkrankung begleitet werden – manchmal über viele Jahre.
Dabei steht nie nur das kranke Kind im Mittelpunkt. Auch Eltern und Geschwister gehören dazu. Der Bundesverband Kinderhospiz spricht deshalb bewusst von einer Begleitung der gesamten Familie.
Natürlich spielt Medizin eine große Rolle.
Viele Kinder brauchen rund um die Uhr Pflege. Manche werden beatmet, künstlich ernährt oder benötigen eine aufwendige Schmerz- und Symptomtherapie.
Aber ein Kinderhospiz soll eben nicht wie eine Klinik funktionieren.
Eltern können für einige Tage Verantwortung abgeben. Endlich einmal durchschlafen. Mit einem Geschwisterkind etwas unternehmen. Einen Kaffee trinken, ohne gleichzeitig Medikamente, Geräte und Pflegezeiten im Kopf zu haben.
Das klingt nach Kleinigkeiten.
Für Familien, die seit Jahren rund um die Uhr funktionieren müssen, sind genau diese Kleinigkeiten oft unbezahlbar.
Die Häuser sind entsprechend eingerichtet: mit breiten Türen, Therapieräumen, Gärten, Spielmöglichkeiten und Angeboten für Kinder, die sich nur eingeschränkt bewegen können.
Je nach Einrichtung gibt es etwa Snoezelen-Räume, Musik- und Therapieräume, spezielle Schaukeln, barrierefreie Spielbereiche oder ruhige Gärten.
Es geht um einen Alltag, der trotz schwerer Krankheit möglichst viele normale Momente zulässt.
Auch deshalb können Familien ein stationäres Kinderhospiz mehrfach nutzen. Solche Aufenthalte dienen nicht nur der Begleitung am Lebensende, sondern ausdrücklich auch der Entlastung.
Das Ziel ähnelt dem der allgemeinen Palliativversorgung – Begleitung bis zum Ende: Beschwerden lindern, Belastungen reduzieren und möglichst viel Lebensqualität erhalten.
Kinderhospizarbeit findet auf zwei Wegen statt. Beide ergänzen sich.
| Stationäre Kinderhospize | Ambulante Kinderhospizdienste |
|---|---|
| Entlastungsaufenthalte | Begleitung zu Hause |
| Pflege und palliative Versorgung | Besuche durch geschulte Ehrenamtliche |
| Unterstützung in Krisen | Hilfe im Familienalltag |
| Begleitung am Lebensende | Zeit für Kinder, Eltern und Geschwister |
| Abschied und Trauer | Begleitung auch über den Tod hinaus |
Die meiste Zeit verbringen Familien selbstverständlich nicht im Hospiz, sondern zu Hause.
Genau hier kommen ambulante Kinder- und Jugendhospizdienste ins Spiel.
Geschulte Ehrenamtliche besuchen die Familien. Sie lesen vor, spielen, gehen mit einem Geschwisterkind auf den Spielplatz oder sitzen einfach mit den Eltern am Küchentisch und hören zu.
Keine spektakulären Gesten. Aber oft genau die Hilfe, die im Alltag fehlt.
Hauptamtliche Koordinatorinnen und Koordinatoren begleiten die Familien zusätzlich, organisieren Hilfen und vermitteln Kontakte.
Wenn zu Hause auch professionelle medizinische Unterstützung erforderlich ist, kann daneben die häusliche Krankenpflege wichtig werden.
Wenn ein Kind schwer krank wird, verändert sich das gesamte Familienleben.
Arzttermine. Krankenhausaufenthalte. Medikamente. Pflege. Nächte mit wenig Schlaf. Sorgen, die nie ganz verschwinden.
Geschwister bekommen all das mit.
Und sie lernen oft erstaunlich früh, Rücksicht zu nehmen.
Vielleicht sagen sie nichts, weil Mama ohnehin erschöpft ist. Vielleicht verzichten sie auf einen Wunsch, weil gerade wieder ein Arzttermin ansteht. Vielleicht haben sie Angst – und möchten gleichzeitig niemandem zusätzliche Sorgen machen.
Früher wurden Geschwister deshalb manchmal als „Schattenkinder“ bezeichnet.
Heute versucht die Kinderhospizarbeit viel stärker, sie bewusst ins Licht zu holen.
Dazu gehören Freizeiten und Ausflüge, Gruppenangebote, Einzelbegleitung, gemeinsame Aktivitäten und eigene Ansprechpartner.
Bei den Deutschen Kinderhospiz Diensten etwa gehört die Geschwisterarbeit an allen fünf ambulanten Standorten ausdrücklich zum Konzept.
Denn auch Geschwister brauchen einen Ort, an dem es einmal nur um sie geht.
Die Krankenkassen übernehmen bei stationären Kinderhospizen 95 Prozent des vereinbarten zuschussfähigen Bedarfssatzes. Eltern zahlen für die Hospizversorgung ihres gesetzlich versicherten Kindes keinen Eigenanteil.
Der Haken steckt im Wort „zuschussfähig“: Angebote für Eltern und Geschwister, zusätzliche Therapien, Freizeit- oder Trauerangebote werden nicht immer vollständig refinanziert. Dadurch können Finanzierungslücken von 20 bis 30 Prozent oder mehr entstehen.
Spenden bleiben deshalb ein unverzichtbarer Teil der Kinderhospizarbeit.
Irgendwann kann der Zeitpunkt kommen, an dem sich die Atmosphäre verändert.
Dann geht es nicht mehr um den nächsten Entlastungsaufenthalt oder den kommenden Ausflug.
Dann geht es darum, Schmerzen zu nehmen. Ruhe zu schaffen. Nähe zu ermöglichen.
Viele Kinderhospize haben dafür besondere Abschiedsräume.
Familien können dort bei ihrem Kind bleiben. Ohne den Zeitdruck, den Krankenhausabläufe manchmal mit sich bringen. Ohne ständig neue Menschen, neue Untersuchungen, neue Geräte.
Sie bekommen Zeit.
Zum Halten.
Zum Reden.
Zum Schweigen.
Und auch danach endet die Begleitung nicht zwangsläufig.
Trauerarbeit gehört zur Kinderhospizarbeit dazu. Eltern und Geschwister können oft noch lange nach dem Tod des Kindes Unterstützung erhalten.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt, den man über Kinderhospize verstehen muss:
Sie beschäftigen sich mit dem Sterben. Aber ihr Mittelpunkt ist das Leben davor.
Ein Leben, das schwer sein kann. Unfair. Anstrengend.
Aber eben auch voller Nähe, Humor, Alltag und kleiner Momente, die plötzlich riesengroß werden.
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