Mit Vitamin D, Propolis oder einem kräftigen Schluck Holundersaft den Erkältungsviren ein Schnippchen schlagen? Gerade wenn die ersten Infekte die Runde machen, greifen viele Menschen zu natürlichen Mitteln. Doch nicht alles, was unserer Abwehr auf die Sprünge helfen soll, hält auch, was es verspricht.
Die Natur hat einiges zu bieten. Schon unsere Großmütter schworen auf Holundersaft, Honig und allerlei Kräuter, sobald die ersten Erkältungsanzeichen auftauchten. Heute stehen neben den altbewährten Hausmitteln unzählige Kapseln, Tropfen und Pulver in den Regalen. Gemeinsam ist ihnen meist ein großes Versprechen: Sie sollen unser Immunsystem stärken.
Doch so einfach macht es uns der Körper nicht. Unsere Abwehrkräfte lassen sich weder nach Belieben ankurbeln noch mit einer Extraportion Vitamine auf Höchstleistung bringen. Ein gesundes Immunsystem benötigt vor allem das richtige Gleichgewicht. Zu wenig Abwehr kann krank machen, eine überschießende Immunreaktion allerdings ebenso.
Was also steckt hinter den bekanntesten natürlichen Immun-Boostern?
Tag und Nacht ist unsere körpereigene Abwehr damit beschäftigt, unerwünschte Eindringlinge aufzuspüren. Haut und Schleimhäute bilden die erste Barriere. Gelangen Viren oder Bakterien dennoch in den Körper, treten verschiedene Abwehrzellen auf den Plan.
Einige von ihnen machen Krankheitserreger unmittelbar unschädlich, andere entwickeln gezielte Abwehrreaktionen. Besonders raffiniert ist das immunologische Gedächtnis: Nach bestimmten Infektionen oder Impfungen kann sich unser Körper an einen Erreger erinnern und bei einer erneuten Begegnung schneller reagieren.
Allerdings hat dieses ausgeklügelte System auch seine Grenzen. Neue oder veränderte Viren können uns trotz funktionierender Abwehr krank machen. Mit zunehmendem Alter verändern sich zudem bestimmte Immunfunktionen.
Ein vermeintlicher Immun-Booster müsste also mehr leisten, als lediglich ein paar zusätzliche Nährstoffe zu liefern. Und genau daran scheitern viele vollmundige Werbeversprechen.
Kaum ein Vitamin wird im Zusammenhang mit der Immunabwehr so häufig genannt wie Vitamin D. Tatsächlich ist es an verschiedenen Vorgängen unseres Immunsystems beteiligt. Anders als die meisten Vitamine kann unser Körper es mithilfe von Sonnenlicht selbst herstellen.
Das funktioniert allerdings nicht zu jeder Jahreszeit gleich gut. In Deutschland reicht die UV-B-Strahlung im Winter für eine nennenswerte körpereigene Bildung häufig nicht aus. Der Körper muss dann auf seine Vorräte zurückgreifen.
Ist die Vitamin-D-Versorgung unzureichend, kann eine Ergänzung sinnvoll sein. Wer bereits gut versorgt ist, darf von zusätzlichen hohen Dosen dagegen keine Wunder erwarten. Vor allem eine unkontrollierte Einnahme hoch dosierter Präparate ist keine gute Idee: Zu viel Vitamin D kann gesundheitliche Schäden verursachen.
Zink gehört zu den Spurenelementen, ohne die unser Immunsystem nicht richtig arbeiten kann. Es wird für zahlreiche Stoffwechselvorgänge benötigt und spielt unter anderem bei der Entwicklung und Funktion von Immunzellen eine Rolle.
Nüsse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und Fleisch liefern Zink. Wer sich abwechslungsreich ernährt, kann seinen Bedarf häufig über Lebensmittel decken.
Interessant ist, dass bestimmte Zinkpräparate möglicherweise die Dauer einer bereits begonnenen Erkältung etwas verkürzen können. Die Studienlage ist jedoch uneinheitlich, und längst nicht jede Darreichungsform wurde gleichermaßen untersucht.
Zink auf Verdacht dauerhaft hoch zu dosieren, ist deshalb wenig sinnvoll. Neben Übelkeit und Magenbeschwerden kann eine übermäßige Zufuhr langfristig auch den Kupferhaushalt beeinträchtigen.
Der hübsch blühende Sonnenhut ist vor allem als Gartenpflanze beliebt. In der Naturheilkunde hat Echinacea ebenfalls eine lange Tradition. Extrakte aus unterschiedlichen Pflanzenarten werden seit Jahrzehnten gegen Erkältungsbeschwerden angeboten.
Doch können sie tatsächlich helfen? Die Forschung liefert kein eindeutiges Bild. Manche Untersuchungen fanden Hinweise auf einen möglichen Nutzen bestimmter Präparate, andere konnten keinen überzeugenden Effekt nachweisen.
Ein Problem dabei: Echinacea ist nicht gleich Echinacea. Je nach Pflanzenart, verwendetem Pflanzenteil und Herstellung unterscheiden sich die Präparate teilweise erheblich.
Wer auf Korbblütler allergisch reagiert, sollte besonders vorsichtig sein. Auch bei bestimmten Erkrankungen des Immunsystems ist vor einer Anwendung ärztlicher Rat sinnvoll.
Bienen sind erstaunliche Apotheker. Um ihren Stock vor unerwünschten Mikroorganismen zu schützen, sammeln sie harzige Pflanzenstoffe und verarbeiten diese zu Propolis. Das sogenannte Bienenharz enthält eine Vielzahl unterschiedlicher Substanzen.
Im Labor zeigen manche Propolisbestandteile antimikrobielle und entzündungshemmende Eigenschaften. Das klingt vielversprechend, sagt aber noch wenig darüber aus, ob entsprechende Präparate beim Menschen tatsächlich Erkältungen verhindern oder die Immunabwehr verbessern.
Dafür fehlen bislang überzeugende klinische Nachweise.
Hinzu kommt, dass Propolis allergische Reaktionen hervorrufen kann. Natürlich bedeutet eben nicht automatisch harmlos.
Wenn der Holundersaft auf dem Herd dampft, werden Kindheitserinnerungen wach. Seit Generationen gilt die dunkle Beere als beliebtes Hausmittel in der Erkältungszeit.
Holunder enthält unter anderem Anthocyane, jene Pflanzenfarbstoffe, denen die Beeren ihre fast schwarze Farbe verdanken. Ihnen werden verschiedene biologische Eigenschaften zugeschrieben.
Einige kleinere Studien haben untersucht, ob Holunderextrakte Erkältungs- oder Grippebeschwerden lindern können. Die Ergebnisse sind interessant, reichen aber nicht aus, um eine zuverlässige Wirkung zu bestätigen.
Gegen ein Glas fachgerecht erhitzten Holundersaft spricht für die meisten Menschen wenig. Rohe oder unreife Holunderbeeren gehören dagegen nicht auf den Speiseplan. Sie können Übelkeit, Erbrechen und Durchfall verursachen.
Dass Darm und Immunsystem eng zusammenarbeiten, ist längst kein Geheimnis mehr. Ein erheblicher Teil unserer Immunzellen befindet sich im Bereich des Verdauungstrakts. Dort kommen sie ständig mit Nahrungsbestandteilen, Darmbakterien und anderen Mikroorganismen in Kontakt.
Kein Wunder also, dass probiotische Bakterien zunehmend ins Interesse der Forschung gerückt sind.
Bestimmte Stämme könnten die Häufigkeit oder Dauer einzelner Atemwegsinfektionen beeinflussen. Allerdings sind die Studien sehr unterschiedlich angelegt. Was für einen untersuchten Bakterienstamm gilt, lässt sich nicht einfach auf jeden probiotischen Joghurt oder jede Kapsel übertragen.
Fermentierte Lebensmittel können durchaus einen Platz auf unserem Speiseplan haben. Einen garantierten Schutz vor Erkältungen liefern sie nicht.
In der traditionellen chinesischen Medizin wird Astragalus, auch Tragantwurzel genannt, schon seit Jahrhunderten eingesetzt. Die Pflanze soll nach überlieferter Vorstellung die Lebensenergie stärken und den Körper widerstandsfähiger machen.
Moderne Untersuchungen beschäftigen sich unter anderem mit bestimmten Pflanzenstoffen und ihren möglichen Wirkungen auf Immunzellen.
Was im Labor interessant aussieht, muss allerdings noch lange nicht beim Menschen funktionieren. Aussagekräftige klinische Studien fehlen bislang weitgehend.
Vorsicht ist besonders bei bestehenden Erkrankungen und der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten geboten. Pflanzliche Präparate können Wechselwirkungen verursachen und sind deshalb keineswegs für jeden geeignet.
Die Vorstellung ist verlockend: Morgens eine Kapsel, abends ein Kräutertee, und schon haben Erkältungsviren schlechte Karten. Nur leider funktioniert unser Immunsystem nicht nach diesem Prinzip.
Ein Nährstoffmangel kann die Abwehr beeinträchtigen. Wird er behoben, kann sich auch die normale Funktion des Immunsystems wieder verbessern. Das bedeutet aber nicht, dass ein gesunder, ausreichend versorgter Mensch durch zusätzliche Präparate automatisch widerstandsfähiger wird.
Viel wichtiger sind die Voraussetzungen, unter denen unser Körper täglich arbeitet. Welche Rolle Ernährung, Schlaf, Bewegung und Erholung gerade in der kalten Jahreszeit spielen, erläutern wir in unserem Beitrag „Immunsystem im Winter: Was unsere Abwehrkräfte wirklich brauchen“.
Und eines sollte man bei aller Begeisterung für Naturheilmittel nicht vergessen: Gegen bestimmte Infektionskrankheiten bieten empfohlene Impfungen einen nachgewiesenen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen. Kein pflanzlicher Immun-Booster kann diesen Schutz ersetzen.
Ob Holunder, Sonnenhut oder Propolis: Viele traditionelle Mittel haben ihren festen Platz in der Hausapotheke und werden seit Generationen geschätzt. Manche sind wissenschaftlich interessant, andere überzeugen bislang vor allem durch ihre lange Geschichte.
Wer sie gerne verwendet, sollte sich über Nutzen und mögliche Risiken informieren. Nicht jeder pflanzliche Wirkstoff ist harmlos, und nicht jedes Versprechen auf der Verpackung wird durch gute Studien gestützt.
Vielleicht ist das ohnehin die wichtigste Erkenntnis: Unsere Abwehrkräfte sind keine Maschine, die ständig aufgerüstet werden muss. Meist leisten sie ihre Arbeit ganz ausgezeichnet – auch ohne täglichen Immun-Boost.
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