Es ist eine schockierende Statistik, die im Schatten von Krebs und Herzinfarkten steht: Alle sechs Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an Sepsis. Das sind 85.000 Todesfälle pro Jahr – viele davon wären vermeidbar. Während wir beim kleinsten Stechen in der Brust an den Notarzt denken, ignorieren wir bei einer Sepsis oft die Warnsignale, bis es zu spät ist. Dr. Ruth Hecker und führende Experten schlagen Alarm: Eine fatale Wissenslücke kostet täglich hunderte Menschenleben.
Sepsis wird im Volksmund oft verharmlosend als „Blutvergiftung“ bezeichnet. Doch das Bild vom roten Strich, der zum Herzen wandert, ist ein gefährlicher Mythos. Sepsis ist kein lokales Problem, sondern ein systemischer Zusammenbruch. Es ist ein biologischer Amoklauf des Immunsystems. Wie das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) auf einer aktuellen Pressekonferenz mit der Deutschen Herzstiftung verdeutlichte, beginnt die Katastrophe meist schleichend – und oft in den eigenen vier Wänden.
Eine Sepsis entsteht immer aus einer Infektion. Ob eine banale Schnittwunde, eine Blasenentzündung oder die klassische Winter-Grippe: Normalerweise bekämpft das Immunsystem die Erreger (Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten) lokal. Bei einer Sepsis jedoch gerät diese Abwehrreaktion außer Kontrolle.
Es kommt zu einer massiven Ausschüttung von Botenstoffen, die nicht nur die Eindringlinge, sondern die eigenen Organe attackieren. Die Gefäße werden undicht, der Blutdruck sackt weg, die Sauerstoffversorgung kollabiert. In rund 40 Prozent der Fälle sind Entzündungen der Atemwege der Auslöser. Das Endergebnis ist ohne Soforthilfe immer gleich: Multiorganversagen und der septische Schock.
Dr. Ruth Hecker, die treibende Kraft hinter der Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis, betont, dass 80 Prozent der Patienten von einem absolut extremen Krankheitsgefühl berichten. Es ist die Instanz des Körpers, die „Stopp“ sagt.
Ein bisher vernachlässigter Aspekt ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Die Forschung von Prof. Dr. Irit Nachtigall (Medical School Berlin) zeigt auf, dass das biologische Geschlecht den Verlauf massiv beeinflusst.
Frauen überleben eine Sepsis statistisch gesehen zwar häufiger (besonders nach dem 45. Lebensjahr), doch sie werden oft schlechter diagnostiziert. Während Männer häufiger mit dem „Lehrbuch-Symptom“ Fieber in die Klinik kommen, zeigen Frauen öfter unspezifische Symptome wie Schwindel oder Übelkeit. Die fatale Folge: Mediziner neigen dazu, diese Anzeichen als psychosomatisch abzutun. Zudem suchen Frauen Hilfe oft erst wesentlich später als Männer – ein Zeitverlust, der über Leben und Tod entscheidet.
Sepsis kann jeden treffen – vom Leistungssportler bis zum Rentner. Doch bestimmte Gruppen tragen eine Zielscheibe auf dem Rücken:
Der Sieg über den Tod ist für 75 Prozent der Betroffenen nur der Anfang eines langen Leidensweges. Sepsis hinterlässt Narben an Körper und Seele.
Man kann sich nicht direkt gegen Sepsis impfen, wohl aber gegen ihre Auslöser. Die STIKO-Empfehlungen für Pneumokokken-, Grippe- und COVID-19-Impfungen sind de facto Sepsis-Präventionsmaßnahmen. Wer Infektionen verhindert, verhindert die Sepsis. Ebenso wichtig: Jede noch so kleine Wunde sollte desinfiziert und beobachtet werden.
Wenn Sie den Verdacht haben, dass ein Infekt entgleist: Wählen Sie sofort die 112.
Warten Sie nicht auf den Hausarztbesuch am nächsten Tag. In der Klinik zählt die „Golden Hour“. Wird innerhalb der ersten Stunde mit einer gezielten Antibiotika-Therapie und Flüssigkeitsgabe begonnen, liegen die Überlebenschancen bei über 80 Prozent. Mit jeder Stunde Verzögerung sinken sie um etwa 7 bis 10 Prozent.
Diese gezielte Frage zwingt das medizinische Personal, ein standardisiertes Screening-Protokoll zu starten. Es ist die wirksamste Waffe gegen das Übersehen des unsichtbaren Killers.
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