Weltweit sind rund 50 Millionen Menschen von Blindheit betroffen. Etwa 65 Prozent von ihnen sind Frauen. Zudem haben Frauen ein deutlich höheres Risiko für Sehbehinderungen. „Diese Zahlen allein mit der höheren Lebenserwartung von Frauen zu erklären, greift zu kurz“, sagt Professorin Dr. med. Viktoria Constanze Brücher von der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Münster. „Auch biologische, soziale und geschlechterkulturelle Faktoren beeinflussen, welche Augenkrankheiten bei Frauen und Männern auftreten”, ergänzt Professorin Dr. med. Anna-Karina Maier-Wenzel von der Berliner Charité. Beide Expertinnen gehören dem DOG-Arbeitskreis „Frauen in der Ophthalmologie” an.
Biologische Faktoren führen bei verschiedenen Augenerkrankungen zu unterschiedlichen Risiken. So tritt das Trockene Auge bei Frauen vor allem nach den Wechseljahren häufiger auf. Eine mögliche Ursache sind die hormonellen Veränderungen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Östrogene an der Regulation des Augeninnendrucks beteiligt sind. „Die Wechseljahre gelten daher zunehmend als geschlechtsspezifischer Risikofaktor für ein Glaukom“, erklärt Brücher.
Auch das Engwinkelglaukom, eine spezielle Form des Grünen Stars, betrifft Frauen weltweit zwei- bis viermal häufiger. Entscheidend sind dabei vor allem anatomische Unterschiede wie kleinere Augen und eine flachere Vorderkammer.
Bei der Rot-Grün-Farbsinnstörung zeigt sich dagegen ein umgekehrtes Bild. Aufgrund der X-chromosomalen Vererbung sind vor allem Männer betroffen. Rund neun Prozent der Männer, aber nur 0,8 Prozent der Frauen weisen diese Sehstörung auf.
Nicht alle Unterschiede lassen sich biologisch erklären. Auch gesellschaftliche und kulturelle Faktoren wirken sich auf die Augengesundheit aus. Studien zeigen beispielsweise, dass türkische Jungen häufiger von einer Amblyopie betroffen sind, einer Sehschwäche infolge einer gestörten Sehentwicklung, obwohl sie genauso häufig davon betroffen sind wie andere. Als mögliche Ursache wird eine geringere Akzeptanz von Brillen diskutiert. Bei pakistanischen Mädchen werden Schielerkrankungen teilweise später erkannt.
Auch bei Augenverletzungen zeigen sich Unterschiede: Männer erleiden häufiger Verletzungen am Arbeitsplatz, Frauen eher im häuslichen Umfeld. Insgesamt sind junge Männer am stärksten gefährdet. „Diese Beispiele zeigen, dass Geschlechterrollen beeinflussen können, wie Erkrankungen entstehen, erkannt und behandelt werden“, sagt Maier-Wenzel.
Frauen nehmen Vorsorgeangebote häufiger wahr und halten sich oft konsequenter an ärztliche Vorgaben. Das gilt beispielsweise für die regelmäßige Anwendung von Augentropfen bei einem Glaukom. Männer suchen dagegen seltener und häufig später augenärztliche Hilfe. Laut einer Studie lassen sich Frauen etwa 1,5-mal so häufig augenärztlich untersuchen wie Männer.
Gleichzeitig profitieren Männer nach bisherigen Erkenntnissen besonders von klaren Anweisungen zur Behandlung, wie Brücher erläutert. Auch bei der Implantation von Kunstlinsen unterscheiden sich die Wünsche: Frauen sind häufig mit einer guten Nahsicht zufrieden, während Männer eher eine optimale Fernsicht erwarten.
Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Augenheilkunde vielfältig und medizinisch relevant sind. Dennoch werden sie in Studien bislang oft nicht systematisch berücksichtigt. Zusätzlich bleiben soziale Einflussfaktoren häufig unerfasst.
Die Arbeitsgruppe „Geschlechtersensible Medizin in der Augenheilkunde” hat deshalb einen erweiterten Anamnesebogen entwickelt. Dieser erfasst neben dem biologischen Geschlecht auch die Geschlechtsidentität, hormonelle Einflüsse sowie Faktoren wie die berufliche Situation oder versäumte Arzttermine.