Im äußersten Norden Frankreichs, wo die rauen Nordseewellen auf Backsteinfassaden und flämische Geselligkeit treffen, liegt die Region Hauts-de-France und zeigt ein überraschend anderes Gesicht Frankreichs. Anstelle von Haute Cuisine und Bordeaux prägen hier Bierkultur, deftige Traditionsgerichte, würziger Käse und fangfrischer Fisch den Alltag. Diese Region erzählt ihre Geschichte(n) nicht mit großen Gesten, sondern mit Geschmack, Handwerk und Menschen, die kulinarische Traditionen bis heute lebendig halten. Essen und Trinken versüßen zusammen mit den herzlichen Bewohnern jeden Urlaub in den Hauts-de-France und diese hält unerwartete Entdeckungen bereit. Wir haben fünf kulinarische Geschichten aus den Hauts-de-France gefunden und viele gute Gründe, sie vor Ort zu erkunden.
Frankreich ist weltweit für seine Weine bekannt, doch im Norden des Landes wird auch hervorragendes Bier gebraut. Die Region Hauts-de-France ist eine der ältesten Bierregionen des Landes und ihre Braukultur ist eng mit den flämischen Wurzeln der Region verbunden.
Jérôme Dreumont hat seine Leidenschaft für das Bierbrauen zum Beruf gemacht. Was in der heimischen Küche mit großen Kochtöpfen begann, ist heute eine kleine Mikrobrauerei hinter dem eigenen Haus. Der Autodidakt braut ein Bier namens „Dreum” und bei seinen Brauerei-Führungen erzählt er nicht nur von seiner eigenen Braukunst, sondern auch von den historischen Brauverfahren, die seine Arbeit bis heute prägen.
Eine viel ältere Geschichte hat die Brauerei Vivat in Cateau-Cambrésis, die ihr Geschäft auf dem Gelände einer alten Benediktinerabtei betreibt. Schon im Mittelalter wurde dabei die Verwendung offener Gärbottiche zum Brauen genutzt – eine traditionelle Technik, die früher weit verbreitet war, heute aber nur noch selten angewendet wird.
Lille ist nicht nur die größte Stadt dieser jungen französischen Region1, sie bietet auch zahlreiche Bierführungen und Verkostungen an und demonstriert damit, wie vielfältig Bier ist. Ein echtes Highlight im Veranstaltungskalender ist das Festival BAL – Bière à Lille vom 2. bis 8. November 2026.
Egal, ob in kleinen, persönlich geführten Brauereien, in historischen Gemäuern oder bei einem Festival in der Großstadt: Im Norden Frankreichs ist Bier weit mehr als nur ein Getränk. Es erzählt von regionaler Geschichte, handwerklichem Können und einem kulturellen Erbe, das bis heute lebendig ist.
Es gibt Käsesorten, die erkennt man lange ehe man sie sieht, an ihrem Geruch. Zu diesen geruchsintensiven Sorten zählt zweifelsohne der Maroilles. Dank seines kräftigen Dufts, seinem charakteristischen Aroma und seiner quadratischen Form gehört er mithin zu einem der bekanntesten kulinarischen Botschafter der Region Hauts-de-France.
Wie aus Milch der berühmte Käse wird, lässt sich auf der Ferme du Pont des Loups besonders anschaulich erleben. Ein eigens angelegter Besucherkorridor leitet die Gäste durch die Herstellung des Maroilles fermier AOP – vom Milchprodukt bis zum fertigen Käse. Wer möchte, kann hier auch zahlreiche verschiedene regionale Käsesorten verkosten. Neben dem bekannten Maroilles entsteht auch in Bergues ein Käse gleichen Namens. Gerade hier, in diesem ehemaligen Bergbaugebiet rund um das Bassin minier werden heute Ziegenhaltung und Käseproduktion auf ungewöhnliche Weise mit der Landschaft verbunden.
Die Spuren des Käses entdeckt man in der Region Hauts-de-France nicht nur auf alten Bauernhöfen, im Handwerk und in Landschaften, sondern auch in Menschen, die aus regionalen Produkten kulinarische Identität schaffen. Ganz nach dem Motto: Eine Landschaft kann man sehr wohl auch erschmecken!
Denkt man bei der Region Nordfrankreich wirklich an den Hering? Eher nicht! Doch wie so oft, irrt man hier. Denn an der Côte d’Opale war der Fisch jahrhundertelang weit mehr als ein Nahrungsmittel. Und diese Liebe hat sich bis heute nicht geändert, denn noch immer gehört der Hering zur kulinarischen Identität der Küste – und wenn im Herbst die neue Saison beginnt, wird er auch entsprechend gefeiert.
Étaples-sur-Mer steht am 14. & 15. November 2026 und Boulogne-sur-Mer am 21. & 22. November 2026 ganz im Zeichen des Herings. Gegrillt oder geräuchert kommt er auf den Teller, dazu gibt es Hafenatmosphäre, Seemannsgesänge und Geschichten aus der Welt der Fischerei. Boulogne-sur-Mer ist Frankreichs größter Fischereihafen und bietet viel Stoff für eine eigene kulinarische Recherchereise in diese Region.
Wer jedoch die Küste jenseits des Hafens verstehen möchte, findet in der Baie de Somme eine viellfach unsichtbare Welt im Watt. Vögel, Robben, Pflanzen, die Spuren der Gezeiten – und die Menschen, die seit jeher mit diesem besonderen Lebensraum verbunden sind. Neben dem Hering eröffnet sich hier eine unbekannte Welt aus Muscheln, Salicorne und Meeresfrüchten und vielen Geschichten über Küste, Natur, Handwerk und nordfranzösische Lebensart.
Waffel ist nicht gleich Waffel und schon gar nicht, wenn man von der Gaufre Méert von Lille spricht. Diese süße Verführung hat nämlich ihren ganz eigenen Charakter: flach, weich und mit einer feinen Vanillefüllung. Seit 1849 werden diese Waffel nach einem traditionellen Rezept hergestellt und bis heute wird sie zwischen zwei Eisen gebacken, ausgestochen und anschließend von Hand gefüllt.
Bereits 1607 befand im Vieux-Lille hier ein Geschäft, das sich später zu einer der bekanntesten Confiserien der Stadt entwickelte. Zu den prominentesten Liebhabern der Spezialität gehörte auch Charles de Gaulle, der sich die Waffeln aus Lille regelmäßig ins Élysée liefern ließ. Auch noch heute erzählt die Waffel von Lille über Handwerk, Familiengeschichte und einer kulinarischen Tradition, die fest mit dieser Stadt verbunden ist.
Wie schmeckt eigentlich ein Stück Lille? Natürlich wie ein Gaufre Méert - wie denn sonst?
Welsh? Klingt nach Wales – und gehört trotzdem fest zum kulinarischen Lokalkolorit der Region Hauts-de-France. Um seine Herkunft ranken sich gleich mehrere Geschichten.
Wir schreiben das Jahr 1544, in dem walisische Soldaten, die bei der Belagerung von Boulogne-sur-Mer stationiert waren, aus walisischem Cheddar, altem Brot und Bier ein einfaches Gericht zubereitet haben sollen. Man nannte das Gericht nach der Heimat, Welsh. Zusammen mit Schinken und Spiegelei wurde aus der einst schnell improvisierten Soldaten-Mahlzeit ein nordfranzösischer Klassiker, einfach Welsh!
Vor allem in den Estaminets, den traditionellen flämischen Gasthäusern, wird er neben Carbonade flamande, Potjevleesch oder Tarte au Maroilles in der regionalen Küche angeboten. Ob er in Tradition nahezu unverändert, oder neu interpretiert auf den Teller kommt, bleibt dem jeweiligen Patron überlassen.
Wie ernst es die Nordfranzosen es allerdings mit ihrem Welsh nehmen, zeigt das Welsh Fest in Lille. Vom 20. bis 22. November 2026 verwandelt sich die Gare Saint-Sauveur drei Tage lang in einen Treffpunkt für Liebhaber des Gerichts. Zehn Restaurateure präsentieren ihre eigenen Versionen, vier Wettbewerbe stellen den Welsh ins Rampenlicht, und bei den „Welsh Olympics“ treten unter anderem Lille, Calais, Boulogne, Dunkerque und Arras gegeneinander an. Aus einem einfachen Gericht ist damit längst eine Frage regionaler Identität geworden. Und offenbar eine, über die man bei einem Welsh sehr gut diskutieren kann.
TIPP: Zahlreiche weitere Informationen zu dieser Region findet man hier
Hauts-de-France entstand am 1. Januar 2016 durch den Zusammenschluss der bisherigen Regionen Nord-Pas-de-Calais und Picardie ↩