Wir alle kennen das Dilemma: Der Kopf sagt „Lass es“, aber der Körper verlangt nach Süßem. Jahrelang galt Zucker pauschal als Feind unserer Gesundheit. Doch der Molekularbiologe und Krebsforscher Dr. Johannes Coy zeigt, dass diese Sichtweise veraltet ist. Seine Entdeckung des TKTL1-Gens wirft ein völlig neues Licht darauf, wie unser Körper Energie gewinnt.
Im Gespräch erklärt er uns, warum nicht die Süße das Problem ist, sondern die Art des Zuckers – und wie sogenannte „intelligente Zucker“ uns helfen können, Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Fettleber die Stirn zu bieten, ohne dass wir asketisch leben müssen.
Redaktion: Herr Dr. Coy, Zucker gilt in der Gesundheitswelt meist als der absolute Bösewicht. Sie haben durch die Entdeckung des Gens TKTL1 aber eine ganz andere Perspektive eingenommen. Können Sie uns das erklären, ohne dass wir ein Biologie-Studium brauchen?
Dr. Johannes Coy: Gerne. Im Grunde geht es darum, wie unsere Zellen Energie gewinnen. Das TKTL1-Gen ist ein uraltes Schutzprogramm unseres Körpers. Es erlaubt Zellen, Zucker ohne Sauerstoff zu vergären – also über Fermentation. Das ist genial für gesunde Zellen in Stresssituationen oder bei der Zellteilung. Das Problem ist nur: Krebszellen kapern diesen Mechanismus oft für sich. Sie nutzen diesen Gärungsstoffwechsel, um sich aggressiv zu vermehren und sich vor dem Immunsystem oder Therapien zu schützen. Wenn wir verstehen, welche Zuckerarten diesen „Gärungsmotor“ anwerfen und welche nicht, haben wir einen enormen Hebel für unsere Gesundheit in der Hand.
Redaktion: Das klingt nach einem Paradigmenwechsel. Was genau ist denn die Lösung? Sie sprechen oft von „intelligenten Zuckern“. Was machen die anders als der klassische Haushaltszucker?
Dr. Coy: Der entscheidende Unterschied liegt in der Verstoffwechselung. Klassische Zuckerarten wie Glukose oder Fruktose jagen den Blutzucker hoch oder belasten die Leber. Intelligente Zucker – dazu zählen Tagatose, Isomaltulose, Trehalose, Allulose, Mannose oder Galactose – gehen andere Wege. Sie liefern Energie, aber ohne die gefährlichen Blutzuckerspitzen und Insulinausschüttungen.
Mehr noch: Sie wirken teilweise sogar entzündungshemmend. Wir wissen heute, dass Krebspatienten beispielsweise Mannose und Galactose nutzen können, um Therapien effektiver zu machen. Es ist also tatsächlich möglich, süß zu essen und dem Körper dabei Gutes zu tun, statt ihm zu schaden.
Redaktion: Viele unserer Leser kämpfen bereits mit Stoffwechselproblemen wie einer Fettleber oder Typ-2-Diabetes. Ist der Zug da schon abgefahren oder können diese Zuckerarten auch therapeutisch unterstützen?
Dr. Coy: Es ist nie zu spät, den Stoffwechsel zu entlasten. Nehmen wir die Fettleber: Sie ist eine Volkskrankheit, die oft gar nicht durch Alkohol, sondern durch zu viel Fruktose entsteht. Wenn wir hier auf Alternativen wie Trehalose oder Tagatose umsteigen, entlasten wir die Leber sofort, weil diese Zucker keine Fruktose enthalten.
Auch für Diabetiker ist das ein Gamechanger. Wenn der Blutzuckerspiegel stabil bleibt und wir diese ständigen Insulin-Peaks vermeiden, sinkt das Risiko für schwere Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Alzheimer drastisch. Man gewinnt ein riesiges Stück Lebensqualität zurück.
Redaktion: Ein großes Thema Ihrer Forschung ist die Krebsprävention. Welche Rolle spielt der Zucker auf unserem Teller dabei konkret?
Dr. Coy: Eine zentrale. Wir können Krebszellen quasi die Nahrungsgrundlage entziehen, indem wir Zuckerarten meiden, die diesen TKTL1-Gärungsstoffwechsel befeuern. Aber es geht nicht nur um Weglassen. Einige der intelligenten Zucker, wie Tagatose, wirken wie Balsam für unseren Darm. Sie füttern die guten Bakterien. Ein gesunder Darm bedeutet ein starkes Immunsystem und weniger chronische Entzündungen im Körper – und genau diese Entzündungen sind oft der Nährboden für Krebs.
Redaktion: Nun ist die Theorie das eine, der Alltag das andere. Wie erkenne ich als Verbraucher diese „guten“ Zucker im Supermarktregal? Die Zutatenlisten sind ja oft kryptisch.
Dr. Coy: Das stimmt, der Dschungel an Bezeichnungen ist verwirrend. Die Industrie wacht aber langsam auf. Es gibt mittlerweile Produkte, die gezielt auf diese neuen Zuckerarten setzen. Ich habe beispielsweise ein Siegel entwickelt – „Dr. Coy’s SUGAR IS INSIDE“ – das als Orientierungshilfe dient. Wenn Hersteller das nutzen, weiß man: Hier wurde der übliche Industriezucker durch physiologisch sinnvolle Alternativen ersetzt. Es gibt bereits erste Riegel und Snacks, die das umsetzen. Wichtig ist mir aber vor allem, dass die Menschen anfangen, auf die Inhaltsstoffe zu achten: Steht da nur „Zucker“ oder finden sich Begriffe wie Isomaltulose oder Galactose?
Redaktion: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für die Ernährung der Zukunft: Wo soll die Reise hingehen?
Dr. Coy: Ich wünsche mir, dass wir die Angst vor dem „Süßen“ verlieren und durch Wissen ersetzen. Wir müssen nicht auf Genuss verzichten, wir müssen ihn nur intelligenter gestalten. Wenn wir das Prinzip hinter TKTL1 verstehen, können wir uns kulinarisch verwöhnen und gleichzeitig geistig fit und körperlich gesund bleiben. Die Zukunft der Ernährung muss nicht bitter schmecken – sie kann süß und gesund zugleich sein.
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